Kapitel 8

 

Am Rand des Eryn Cala, nur noch eine halbe Tagesreise vom Cuilsirion, dem Lebensstrom entfernt und somit der Grenze zum Dor Menel sehr nahe, lagerten die Gefährten. Sie hatten hierher mehr als zwei Monate benötigt, da sie nicht so schnell reisen konnten wie gewollt.
Ihre Tiere standen etwas abseits im Schutz von Felsen und grasten. Nur Angar hatte sich etwas entfernt und war dabei, am Waldrand nach Wurzeln und Pilzen zu graben. Dabei verursachte er kaum Lärm und bewegte sich so bedacht, wie es für ein Tier seiner Maße nur möglich war. Selbst Arkan musste dies positiv bemerken. Was er jedoch nie laut äußern würde.
Dicht neben dem Feuer hatte sich Xenja in ihren Umhang gewickelt und schlief, dicht an Ithildae gekuschelt und ihre rechte Hand um den Griff des Langdolchs geschmiegt. Ithildae hatte seinen Kopf auf die Pfoten gelegt und zuckte im Schlaf nur ab und an mit den Ohren.
Elno und Odion saßen, Rücken an Rücken, auf einem Baumstamm und hielten Wache, wobei ihre Augen, beständig die Dunkelheit zu durchdringen suchten. Hierbei war der Zwerg, dem Barbaren weit überlegen, lebte er doch die meiste Zeit seines Lebens in Höhlen.
Arkan und Melco lagen an den verwundbarsten Punkten des Lagers. Arkan am Waldrand und Melco zur Steppe hin. Beide mit den Händen an den Waffen und selbst im Schlaf wachsam und auf jedes ungewöhnliche Geräusch lauschend.
Sicher, sie brauchten sich keine Sorgen zu machen, waren sie doch bei Odion und Elno in guten Händen und ihre Hengste darauf geschult sie bei Gefahr zu warnen und doch ließen sich alte Gewohnheiten nicht so leicht abschalten. Zumal sie immer noch mit Angriffen der Kreaturen des Bösen rechnen mussten.
Während Tara dicht an Balthier geschmiegt auf der einen Seite des Feuers schlief, lag Serina zwischen dem Feuer und der schützenden Nähe des alten Zauberers. Ihre Augen funkelten in der Nacht, als sich das Feuer in ihnen spiegelte. Ein leises Lächeln umspielte ihre Lippen, als sie sah, wie sich Tara im Schlaf enger an Balthier schob und dieser seinen Arm um sie legte, und sie festzuhalten. 
Diese Vertrautheit und offene Zuneigung berührte ihr Herz. Sie spürte wie sich ihr menschlicher Körper, immer mehr nach so einer Zärtlichkeit zu sehnen begann und mit einer Mischung aus Furcht und Neugier musste sie feststellen, das sich ihre Seele, ihr unsterbliches Ich, immer mehr mit den Gefühlen und dem Leben der Menschen identifizierte.
Ohne es wirklich bemerkt zu haben, hatte sie begonnen ihr wahres Ich zu vergessen. Diese Erkenntnis machte ihr Angst. Was war, wenn sie sich nie wieder in ihr wahres Ich verwandeln konnte? Würde sie dann immer mit der wagen Erinnerung an ein anderes Leben existieren müssen?
Den Stein der Serin berührend, der nun schon so sehr zu einem Teil von ihr geworden war, spürte sie seine Wärme. Vorsichtig strichen ihre Finger über die Windungen des Diadems. Die Form des Schmetterlings folgend, kehrten Erinnerungen zurück. Sie sah wieder den Strand des Iauraearon. Sah wieder die dunklen Schatten der Bestien über sich und erlebte noch einmal die Todesangst, die sie ergriffen hatte.
Ja, es gab einen sehr guten Grund, weshalb sie diese Gestalt und diesen Stein trug. Es galt ihrem Schutz. Der Stein verbarg ihre Natur vor allen Kreaturen und Geschöpfen Jandaras. Ja, selbst vor ihr. Und es würde der Tag kommen, an dem sie ihn nicht mehr zu tragen brauchte. An diesem Tag würde sie dann wieder sie selbst sein können.
Ihr Blick fand die schlafende Gestalt des jungen Zauberers, der mit seiner stillen und unnahbaren Art, ihr Interesse erregt hatte. Sie betrachtete seine, im Schlaf so weiche und entspannte Miene und folgte mit ihrem Blick, jeder Linie seines Gesichts.
Ihr Herz begann schneller zu schlagen und ihre Brust zog sich zusammen, als sie an den Ausdruck seiner Augen dachte. Ein wohltuendes Kribbeln breitete sich in ihrem Bauch aus, als sie an die vergangenen Tage dachte. An seine zuvorkommende Art ihr gegenüber und seiner sichtlichen Zuneigung zu der kleinen Xenja. In ihren Träumen sah sie sich zusammen mit ihm so da liegen wie Tara und Balthier. Es waren verstörende und doch so unsagbar schöne Gefühle, die ihr Herz erfüllten und sie spürte, wie ihre Seele nach der von Melco griff.
In diesem Moment öffnete er die Augen und sein Blick begegnete ihrem.
Verlegen wollte sie den Blick senken und vermochte es nicht. Sie spürte wie sie in die Tiefen seiner Augen versank und sich forttragen ließ von dem warmen und betörenden Gefühl, das ihr Blut schneller durch den Körper trieb.
Ihr Atem stockte als sie sah, wie er sich auf den Ellbogen stützend, in eine halbsitzende Position brachte. Dabei hielt sein Blick den ihren fest.
 
 
Melco spürte die Blicke. Tief in seinem Unterbewusstsein erkannte er, dass er beobachtet wurde. Doch anders als gewöhnlich, empfand er kein Unbehagen.
Eine tiefe Wärme durchströmte ihn und hüllte ihn in eine Decke des Friedens.
Da spürte er plötzlich, wie eine strahlend helle Seele nach seiner griff und sie mit warmen Strahlen zu liebkosen begann.
Die Augen öffnend, begegnete sein Blick den unergründlichsten und dunkelsten Augensternen, die er je gesehen hatte. Dem Nachthimmel gleich funkelten in ihnen kleine Sterne. Er spürte wie er sich in dieser Unendlichkeit verlor und fühlte sich so geborgen wie schon lange nicht mehr.
Das liebliche Antlitz der Lady Serina, erstrahlte im gelbroten Licht des Feuers und ihr Haar fing das Licht auf und färbte sich in flackerndes Rot. Ihre Augen funkelten und strahlten eine Wärme aus, die ihn erschauern ließ. Er gewahrte in ihnen Gefühle, die ihn vor Freude erbeben und doch auch so verlegen werden ließen, wie ein Kind.
Behutsam, um sie nicht zu verschrecken, stemmte er sich auf einem Ellbogen hoch. Dabei hielt er ihre Augen fest, aus Angst dass sie nicht mehr da sein könnte wenn er seinen Blick von ihr löste.
Sie erhob sich geschmeidig und schlang die Arme um die Knie. So saß sie ihm gegenüber und nur das Feuer trennte sie. Ihr fragender Blick schien in seinen Augen nach Antworten zu suchen.
Um nichts auf der Welt wollte er diesen Moment vermissen, in dem ihre Seelen sich fanden und eins zu werden schienen. Dieses Gefühl der Wärme und Geborgenheit war fast mehr, als er ertragen konnte und doch fühlte er sich das erstemal in seinem Leben vollkommen und eins. Fast so, als hätte in all der Zeit ein Teil von ihm gefehlt, den er erst jetzt wiedergefunden hatte. Er legte all seine Liebe und das Versprechen immer für sie dazu sein, in seinen Blick und hoffte, das sie es erkennen würde. Denn Worte, das spürte er, würden den magischen Moment nur zerstören.
Ihre Antwort bestand aus einem erstaunten und freudigen weiten der Augen. Das Strahlen in ihnen nahm an Intensität zu und es schien ihm fast, als würde ihre Seele durch ihre Augen hinaus strahlen und ihn willkommen heißen.
Ein plötzliches Krachen, riss sie auseinander und ließ den Krieger in Melco erwachen. Mit einem Sprung stand er schützend vor Serina. Das Schwert in den Händen starrte er in die Dunkelheit.
Elno und Odion fuhren ebenfalls auf. Ihre Hände flogen zu den Äxten und rissen sie vor ihre Brust.
Arkan war mit wenigen Sätzen neben Melco und lauschte angestrengt. Sein Rücken berührte leicht den von Melco, so dass dieser das Spiel der Muskeln, seines Freundes spüren konnte. Auch Tara und Balthier wurden von der plötzlichen Hektik geweckt und standen schnell, Rücken an Rücken bereit.
Die Tiere schnaubten erregt und Ithildae stand breitbeinig über der kauernden Xenja, die ängstlich den Langdolch an sich drückte, während sie in einer bereits unbewussten Bewegung die Kapuze tiefer ins Gesicht zog.
Nathaniels Stimme hallte in der klaren Nacht. „Cala, tirith!“ Kaum waren die Worte verklungen, erstrahlte das Feuer in einem neuen Licht. Ihr Lagerplatz wurde Taghell erleuchtet. Kaum waren die Schatten der Nacht zurück gedrängt, tauchten gedrungene Gestalten, wie aus dem Nichts auf. Erschrocken quiekend, blinzelnden sie in der ungewohnten Helligkeit. Aus ihren breiten Mäulern lief der Speichel und tropfte auf den Boden.
„Orks!“ Odions erschrockenes Keuchen, schien für die Bestien das Signal gewesen zu sein. Sie lösten sich aus ihrer Erstarrung und griffen brüllend an.
Schon sirrte der erste Pfeil von Taras Sehne und griff sich den ersten Ork. Die Äxte von Barbar und Zwerg gruben sich singend in schwarze Schädel, während die Schwerter tanzten.
Binnen Sekunden war der Lagerplatz in ein Schlachtfeld der Nunambar verwandelt worden. Das Sirren der Sehne und das Klatschen der Pfeile bildeten zusammen mit dem Klirren von Stahl und Eisen und dem Brüllen der sterbenden Orks, eine grausige Symphonie des Todes.
Bei all dem Aufruhr bemerkte niemand, dass Ithildae mit seinem kleinen Reiter im Wald verschwand.
Während des Kampfs bemühten sich Melco und Arkan immer in der Nähe von Serina zu bleiben. Dabei verhielten sie sich wie eine lebende Mauer, die jeden Ork mit ihren Stahlzähnen in den Tod schickten, der es wagte ihnen zu nahe zu kommen.
Keiner der beiden war bereit seinen Platz aufzugeben und so drehten sie sich mehrmals um sich selbst und zogen eine Spur aus schwarzem Blut in den Sand.
Nathaniel schickte weißblaue Blitze aus seinen Händen und durchbohrte einen Ork nach dem anderen. Er erkannte, dass diese Orks von schwarzer Magie getrieben und gestärkt worden waren. Denn seine Blitze brauchten oft mehrere Anläufe, bis ein getroffener Ork wirklich liegen blieb.
Dieser Umstand blieb auch den anderen nicht verborgen.
Melco begann leise Worte zu murmeln. Da er nicht die Zeit hatte seinen Umhang fester um sich zu ziehen und somit diese Magie nicht nutzen konnte, tat er etwas anders.
Sein murmelnder Singsang wurde zu einem Brummen. Die Magie um sich herum zusammenziehend, formte er einen Schild aus gleißendem Licht. Ihn in einer Hand haltend, warf er ihn den Orks entgegen, die es wagten sich ihm zu nähern. Auf diese Weise schaffte er es, die Orks zurück zu drängen und zusammen mit Arkan forderte er blutige Opfer.
Doch dieser Vorteil brach auf einmal in einem sprühenden Funkenregen in sich zusammen. Als der Schild barst, war die magische Druckwelle so stark, das es Melco und Arkan von den Füßen riss.
Arkan wurde krachend gegen einen Baumstamm geschleudert und sackte bewusstlos zusammen. Melco, schaffte es noch sich abzurollen und sich schützend über Serina zu werfen, als die Lichtung von eine magischen Welle aus Dunkelheit überrollt wurde, die in ihrem Sturm die Gefährten zu Boden warf. Die Tiere kreischten panisch und versuchten dem Verhängnis zu entkommen.
Nathaniels Versuche diese Welle abzublocken scheiterten. Trotz aller Anstrengung wurde der Erzzauberer in die Knie gezwungen. Keuchend sah er zu, wie sich ein Schatten aus der Dunkelheit löste.
Langsam kam der Schatten näher. Er wurde von anderen begleitet, die einen Halbkreis um die gestürzten Gefährten zogen. Nicht ein Laut war zu hören. Diese Stille war noch unheimlicher als der Kampflärm, der noch kurz zuvor getobt hatte. Es war fast so, als hätte die magische Welle nicht nur die Gefährten und die Orks zu Boden gedrückt, sondern auch jedes Geräusch der Welt entrissen.
Der fordere Schatten bewegte sich auf den Erzzauberer zu. Seine Augen glühten in einem unnatürlich roten Licht, als er die Hände nach dem alten Zauberer ausstreckte. Nathaniel spürte, wie sich seine Kehle zusammen zog. Spürte wie ihm die Luft entrissen wurde. Da bemerkte er das violette Leuchten, das sich in einem Kreis um ihn zusammen zog. Ein Bannzauber! Diese Erkenntnis ließ ihn innerlich zusammen zucken, denn sein Körper war zu keiner Bewegung mehr fähig.
Als der Schatten ins Licht trat, keuchte Nathaniel auf. Es war nur ein gequälter Laut der seinen Lippen entschlüpfte und doch ließ er das Wesen in der Bewegung innehalten. Das aschgraue Gesicht verzog sich zu einem kalten Lächeln, als es sich vor den Zauberer in die Hocke sinken ließ. Die kalten Augen waren leer und doch sah Nathaniel ein glühendes Rot in ihnen leuchten.

 

Melco spürte den warmen und schlanken Körper unter sich. Spürte wie sich dieser leicht regte und doch vermochte er im ersten Moment nicht zu sagen wer da unter ihm lag und was geschehen war. Seine Gedanken waren so träge, das es ihm schwer viel sich selbst auf das Wesentlichste zu konzentrieren. Mühsam zwang er sich dazu die Augen zu öffnen. Als sei dies das Signal gewesen, kamen langsam seine anderen Sinne zu ihm zurück.
Er bemerkte, dass er vollständig unter seinem Umhang begraben war. Der schwarze Stoff fluoreszierte leicht und erlaubte es seinem Meister sich ein Bild von der Lage zu machen.
Eine leise Regung unter ihm veranlasste Melco, seinen Blick nach unten zu richten. Sofort war er gefangen. Zwei dunkle Augensterne hielten seine Augen fest. Eine Mischung aus Angst und Freude lag in ihnen. Serinas Mund verzog sich zu einem scheuen Lächeln, als sie in seinem Gesicht nach Verletzungen suchte. Deutlich spürte Melco ihr hektisch klopfendes Herz, sowie ihre beschleunigte Atmung.
Sich ihres Körpers, mit all seinen Rundungen plötzlich überdeutlich bewusst, versuchte er leicht sein Gewicht zu verlagern, als er ihre Arme um seinem Körper spürte. Ein Kribbeln fuhr durch jede Faser seines Seins. Gebannt hielt er in seinen Bemühungen inne und sah sie fragend an. Als er dann ihre süße Stimme hörte zuckte er leicht zusammen. Ihre Lippen bewegten sich nicht und ihre Worte halten nur in seinem Kopf wieder. Telepathie! Erschauernd, lauschte er ihren Worten.
„Dinen! Die Magie des Umhangs verbirgt uns vor ihnen. Doch sollten wir nicht durch unbedachte Bewegungen auf uns aufmerksam machen.“
Benommen schüttelte Melco leicht den Kopf. Ihre Worte hüllten seine trägen Gedanken in ein heilendes Tuch.
„Die Kraft der schwarzen Magie hat alles Leben zum Erstarren gebracht. Niemand ist ihrer verehrenden Macht entkommen. Doch glaube ich, das Ithildae es geschafft hat Xenja vorher in Sicherheit zu bringen!“
Die Bedeutung ihrer Worte fuhr mit Macht in seinen Geist. Und die Sorge um seine Freunde und Gefährten, drohte ihn zu überspülen. Vorsichtig hob er leicht den Saum des Umhangs an und spähte auf die Lichtung. Was er sah ließ sein Herz erstarren und seine Seele schrie in Quallen auf. Deutlich spürte er, dass auch Serina bei dem Anblick erstarrte und ihr Herz flatterte wie ein Vogel im Netz.
Vor ihnen hockte Nathaniel in einem Kegel aus violettem Licht und schien in der Bewegung erstarrt. Zwischen den Körpern von gefallenen Orks, entdeckte Melco welche, die sich mühsam wieder auf die Beine kämpften. Deutlich gezeichnet von der Gewalt der Magie. Der Anblick seiner gestürzten Gefährten ließ Wut in ihm aufflammen. Reglos lagen sie im verbrannten Gras und Staub. Nichts ließ darauf schließen, ob sie noch lebten.
Doch das Grauen ging nicht von diesem Anblick aus, sondern von den Wesen, die in den Lichtkreis des Schlachtfelds getreten waren.
Sie waren alle in schwarzes Leder gekleidet und trugen Rauchgraue Umhänge. Ihre Haare hingen ihnen in wirren Strähnen in die aschgrauen Gesichter. Die meisten von ihnen waren schwarzhaarig, die anderen hatten graues bis weißes Haar.
Doch weder ihre Schwerter aus schwarzem Stahl, noch die Peitschen waren es, die ihm den Atem nahmen. Es waren die Augen.
Diese waren schwarze Höhlen. Leer und ohne Licht. Nur ein unheimlich rotes Glühen erhellte sie. Sie waren das Grauen seiner Kindertage. Der Albtraum der Erinnerungen. Dies waren die seelenlosen Elben des Schwarzmagiers. Alben!
Gebannt verfolgte Melco wie die Alben den Kreis enger zogen und wie sich einer von ihnen vor Nathaniel in die Hocke sinken ließ. Die Magie, die seinen Großvater gefangen hielt, leuchtete auf, als Nathaniel versuchte sie zu durchbrechen. Melco konnte die seelischen Qualen spüren, die sein Großvater durch litt, als er sich gegen den Bannzauber stemmte. Deutlich sah er wie das violette Leuchten zu einem schwarzen Flimmern wurde und den alten Erzzauberer zu Boden zwang. Als Nathaniel das Bewusstsein verlor, schrie Melco auf.
Sein Schrei wurde von einer schlanken Hand erstickt, die sich fest und doch behutsam über seinen Mund legte.
Serinas Stimme klang eindringlich in seinem Kopf wieder. „Dinen! Du hilfst weder ihm noch uns wenn du jetzt etwas tust. Wenn der Dunkle seine Alben schickt um uns aufzuhalten, dann weiß er wer wir sind. Du spielst ihm in die Hände, wenn du dich
regst! Melco!“
Melco hörte ihr gar nicht mehr zu. Bilder aus seiner Erinnerung überrollten ihn und begruben alles andere.
Er sah sich als Kind, vor den Toren des Tempels der Serin. Die Mauern aus weißem Marmor funkelten in der Sonne. Still saß er auf einem der geflügelten Einhörner, die steinern die breite Treppe bewachten und wartete auf seine Mutter.
Als sie durch das Portal ins Freie trat, fing sich das Licht in ihrer seidenen Robe. Das hellbraune Haar viel ihr in sanften Wellen bis weit über den Rücken. Auf ihrer Stirn trug sie das funkelnde Symbol der Serin. Eine Mondblume aus Sternensilber.
Als sie ihn sah, erhellte sich ihr Gesicht. Sein Herz wurde von ihrem Lächeln gewärmt. Die Liebe zu ihr war alles was es in seiner kleinen Welt gab.
Plötzlich fegte ein starker Wind über die Parkanlage. Trieb Staub und Schwärze vor sich her.
Die Augen seiner Mutter weiteten sich vor Angst. Ihre Stimme durchdrang nur mühsam das Tosen des Windes. „Melco, lauf! Flieh! Hole Nathan! Lauf!“
Doch Melco war wie gelähmt. Seine Augen hingen gebannt an den Kreaturen, die sich aus der wabernden Schwärze lösten. So etwas wie sie hatte er noch nicht gesehen und doch wusste er was sie waren. In den Büchern von Gulmin fanden sich Aufzeichnungen über diese Geschöpfe. Sie wurden dort als Seelenlos bezeichnet, als Verlorene die weder in Jandara noch in der Nunambar leben konnten und so abgrundtief böse waren, das selbst Orks und Gargoyels sich vor ihnen fürchteten und sogar Drachen sie mieden. Die kalten schwarzen Augen waren nur leere Höhlen. Und in ihrem Inneren leuchtete die rote Glut der Nunambar. Alben!
Ihre schlanken in schwarz gekleideten Körper bewegten sich gleitend und verursachten kaum einen Laut. Die schwarze Macht ihrer Magie ließ Melco zu Eis erstarren. Unfähig auch nur einen Muskel zu rühren, verfolgte er gebannt wie sie sich dem Tempel näherten. Dabei beachteten sie ihn überhaupt nicht. All ihre Sinne waren auf den Tempel und auf seine Mutter gerichtet. Sie die Hohepriesterin der Serin, hatte all die Macht des Lichts, der Schöpfung auf ihrer Seite und doch versagte
sie. Sie warf all ihr Licht, all ihre Magie diesen Geschöpfen entgegen. Die, die von ihrer Kraft getroffen wurden fielen, um kurz darauf wieder auf zu stehen und ihren unaufhaltsamen Marsch fortzusetzen.
Dabei zogen sie eine Eiseskälte mit sich, die auf der Haut brannte.
Dann kam er!
Ganz in schwarz gekleidet, trat er zwischen den Alben hindurch, die Stufen des Tempels hinauf. Knirschend zersprang der Marmor unter seinen, mit schwarzem Metall, beschlagenen Stiefeln. Sein blutroter Umhang bauschte sich im Wind.
Das Gesicht wurde von einem schwarzen Helm verborgen, der aussah wie der Schädel eines Drachen. Mit einer behandschuhten Hand, packte er die Priesterin am Arm und zog sie zu sich heran. Dabei rissen die Dornen aus Morivor blutige Striemen in ihre helle Haut. Die dunkle und kalte Stimme, ließ Melco erzittern. „Ich hatte dir gesagt, dass ich dich holen würde! Aura Vandara, Hohepriesterin vom Nichts! Was glaubst du, kannst du mir entgegensetzten? Mir, Garadosa! Dem Herrscher über die verbotenen Künste!?“
Mit diesen Worten sandten seine Finger knisternde schwarze Blitze aus, die sich berstend in den Marmor fraßen.
„Niemand ist hier um dir zu helfen! All deine Schwestern sind erstarrt. Dein Vater, der hoch geschätzte Erzzauberer, wird nie rechtzeitig hier sein. Also entweder kommst du freiwillig mit oder du wirst wie die Alben. Mein ergebenes und willenloses Geschöpf!“ Die letzten Worte dröhnten durch die Portale und Flure des Tempels. Pflanzten sich bis ins Innere fort und ließen das Gebäude erbeben.
Deutlich konnte Melco die Angst auf dem Gesicht seiner Mutter sehen.
Er wollte ihr helfen. Wozu war er den ein Novize in Gulmin? Er hatte schon viel gelernt. Er konnte sie beschützen, bis sein Großvater käme. Oder einer der Obersten Zauberer. Schließlich waren sie nicht weit entfernt und mussten doch schon bemerkt haben, dass etwas nicht stimmte. Soviel schwarze Magie, konnten sie doch nicht übersehen.
Im kindlichen Vertrauen darauf, dass die erwachsenen Zauberer bald kommen würden, verwandte Melco seine Kraft darauf, den Bann der schwarzen Magie zu durchbrechen.
Als es ihm gelang durch ein Loch der Magie zu schlüpfen, geschah es.
Seine Mutter schüttelte entschlossen den Kopf und spuckte dem Schwarzmagier ins Gesicht. Die Gewalt seiner Wut schleuderte selbst die Alben beiseite. Seinen Stab aus glänzendem Morivor hebend, schleuderte Garadosa Aura zur Seite, so dass sie krachend gegen eine Säule schlug und Bewusstlos zusammen sackte.
Melco schrie auf und hastete zu seiner Mutter. Er warf sich genau in dem Moment über sie, als Garadosas Stab seine Magie wirkte.
Melco spürte den kalten Sog. Das eisige Brennen, das sich bis in seine Seele fraß. Er spürte, wie seine Mutter erbebte und sich die Magie durch ihn hindurch in den Körper der Priesterin bohrte. Der Schrei ihrer Seele, pflanzte sich bis zu ihrem Mund fort und durchschnitt das Tosen des Windes.
Entsetzliche Angst um seine Mutter erfüllte Melco. Mit dem Trotz und der Liebe eines achtjährigen Jungen, warf er sich der schwarzen Magie entgegen. Seine Wut und Angst herausbrüllend, warf er seine ganze Kraft in seinen Zauber.
Gleißendes, blauweißes Licht wuchs aus ihm empor. Hüllte ihn und den leblosen Körper seiner Mutter ein. Zischend und Knackend entluden sich die schwarzen Blitze des Dunklen im Schild des Kindes.
Von dem plötzlichen Wiederstand überrumpelt, ließ Garadosa den Stab sinken. Die Priesterin war für ihn verloren. Aber dieser Junge war ungewöhnlich stark. Und er war Ihr Sohn.
Die Hände hebend, ließ er einen Hagel an schwarzen Blitzen auf den Schild des Jungen niedergehen.
In dem Moment, wo der Schild brach, erkannte Melco seinen Großvater, zusammen mit weiteren Zauberern herbei eilen. Als ihn einer der Blitze im Gesicht traf, glaubte Melco die Welt würde explodieren. Wie er über seiner toten Mutter zusammenbrach, spürte er schon nicht mehr.
 
Das Brüllen von schwarzer Magie, riss Melco aus seinen Erinnerungen. Aus dem Albtraum seiner Kindheit, in den Albtraum des Jetzt zurück.
Unsagbare Wut erfüllte ihn. Niemals würde er zulassen, dass es wieder geschah.
Aufspringend, warf er Serina den Umgang wieder über. Verbarg sie so vor den Augen der Alben. Bevor sie ihn auch nur halten konnte, war er mitten auf der Lichtung.
Die Alben waren im ersten Moment von seinem plötzlichen Auftauchen überrumpelt. Aber nicht lange. Kaum hatte er begonnen seine Magie, diesen Geschöpfen entgegen zuschleudern, waren sie schon heran.
Als Melco die geballte Energie ihrer Blitze traf, spürte er wie seine Muskeln rissen. Hörte er seine Knochen brechen und der Schmerz entlud sich in einem lauten Schrei, der weit über die Steppe hallte.
Als Serina sah wie die geballte Macht der Alben, Melco in die Knie zwang, fuhr sie hoch. Den Umhang fest um sich gezogen, war sie nicht mehr als ein huschender Schatten, der an Melcos Seite eilte. Ihre Hände umschlossen seine. Spürten sein Zittern. Ihre heilende Magie in seinen Körper sendend, hielt sie seinen Blick gefangen. Deutlich sah sie den Wiederstreit seiner Gefühle. Die Wut, seine Angst.
Als sie ihre Magie von ihren Fesseln löste, begann sich ein schillernder Schutzschild zu bilden.
Melcos Augen weiteten sich, als er in ihrer wärmenden Kraft spürte, wie die Schmerzen nachließen. Doch als er bemerkte, wie sie sich zu verkrampfen begann und sah, wie Blut aus ihrer Nase floss, brandete die Wut erneut in ihm hoch.
Die Magie zusammenziehend, warf er sie den Alben, mit verheerender Macht entgegen. Die gleiche Magie wie in Ivornasse und diesmal -  hielt ihn niemand auf.
Gestärkt durch den Wunsch sie und seine Gefährten zu beschützen und Serinas reiner Magie, erlangte die Welle eine Macht, deren Brüllen die Geräusche der Albenmagie verschluckte.
Das reine strahlende Licht von Serinas Magie vereinte sich mit der Dunkleren des Zauberers. Verschmolz zu einer Einheit. Die Schildkuppel wuchs. Blähte sich auf. Als sie explodierte, fuhr die Magie wie ein Sturm über die Geschöpfe der Dunkelheit hinweg.
Die Druckwelle erfasste die Alben und Orks. Trug sie weit in die Steppe hinein. Zerrdrückte und zerriss sie, Löste ihre Körper auf. Bis nur noch ihre Waffen und Rüstungen von ihrer Existenz zeugten.
Serinas Körper erschlaffte. Zitternd schlossen sich ihre Lider, als sie zu Boden fiel.
Melco versuchte noch sie zu halten, doch war auch seine Kraft verbraucht. Haltlos stürzend, begrub er sie unter sich.
Kurz bevor er das Bewusstsein verlor, meinte er Umrisse im Zwielicht wahr-zunehmen. Große Umrisse, die sich schnell näherten. Doch bevor er erkennen konnte um wenn es sich handelte, umfing ihn Dunkelheit.

 

Xenjas Hände waren fest in Ithildaes Fell gegraben. Zwischen ihren Schenkeln spürte sie das Spiel seiner kräftigen Muskeln, als er sie immer weiter in den Wald hinein trug. Ihren Körper dicht an den Wolf geschmiegt, versuchte sie so den hängenden Ästen auszuweichen. Über Wurzeln und durch Unterholz ging ihre Jagd. Und trotz der Schwärze, die außerhalb des Waldes herrschte, war der Wald von einem weichen Licht erfüllt, das beruhigend und Unheimlich zu gleich, auf das
Gemüt des Kindes wirkte.
Ithildaes Hecheln wurde mit jedem Sprung lauter. Seine Sprünge wurden steifer. Nicht gewöhnt einen Reiter zutragen, forderte auch der unebene Boden langsam seinen Tribut. Doch er würde erst anhalten, wenn seine Beine unter ihm nachgaben. Als er Xenjas Stimme hörte, zuckten seine Ohren in ihre Richtung.
„Ithildae, wir müssen zurück! Melco braucht uns! Wir können sie nicht im Stich lassen.“ Ihre Stimme verbarg ihre Gefühle nicht. Und Ithildae war, als könne er ihre Erinnerungen sehen. Die Erinnerungen an das Massaker in der Wüste.
Keuchend kam seine Antwort. „Melco hat mir aufgetragen dich zu beschützen. Und so sehr es mich an seine Seite zieht, werde ich seinen Befehl nicht ignorieren, in dem ich meinem Wunsch nachgebe.  Außerdem, ist dies Eryn Cala. Hier leben Waldelben. Und Dor Menel ist auch nicht weit. In der jetzigen Lage, wird der Elbenkönig bestimmt Kundschafter ausgeschickt haben. Hilfe ist in der Nähe!“
Schluchzend, verkrampfte Xenja ihre Finger in Ithildaes Nackenfell. Ihr Blick wurde von Tränen verschleiert. Sie wusste, dass sie den Wolf nicht dazu bringen konnte umzukehren. Und solange er durch den Wald jagte, konnte sie noch nicht mal abspringen. Noch dazu war sie sich nicht sicher, den Rückweg ohne seine Hilfe finden zu können. Sie hatten so oft die Richtung gewechselt, um eventuelle Verfolger abzuschütteln, dass sie völlig die Orientierung verloren hatte. Somit blieb ihr nichts anderes übrig, als sich auf ihm festzukrallen und zu hoffen, dass sie bald auf Hilfe stießen.
Plötzlich öffnete sich vor ihnen der Wald und sie flogen auf die Ebene hinaus. Vor ihnen glänzte in der Ferne ein silberblaues Band und der Geruch nach Wasser lag in der Luft. Der Cuilsirion! Verzweiflung schnürte Xenja die Kehle zu. Blind vor Tränen starrte sie in die Ferne. Sie waren der Grenze so nah.
Als Ithildae stoppte, wurde Xenja über seinen Kopf hinweg geschleudert. Hart schlug sie im Gras auf. Der Stoß trieb ihr die Luft aus der Lunge. Als sie sich auf die Beine kämpfte, drehte sie sich zu dem Wolf um. Ihre Wut über den Stopp auf den Lippen. Doch sie verstummte als sie ihn sah.
Sein Fell gesträubt, stand er mit eingeklemmtem Schwanz vor ihr. Ein dumpfes Grollen stieg aus seiner Kehle. Seinem starren Blick folgend wandte sie sich um. Vor ihnen hielt eine Gruppe berittener Krieger, in silberglänzenden Rüstungen. Ein Reiter löste sich aus der Gruppe. Dicht vor ihnen hielt er an. Den Helm abnehmend, entblößte er das edle Gesicht eines Hochelben.

 

 

18.10.2009 16:08:28

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