Kapitel 7

 

 

 

 

„Wir reiten wirklich zu den Elben?“ Xenja hüpfte vor Odion auf und ab, so dass selbst der geduldige Voan, genervt schnaubend, den Kopf schüttelte. Odion zog das Mädchen dichter zu sich heran und zog ihr die grüne Kapuze, ihres neuen Umhangs, tiefer ins Gesicht. So in ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkt, beruhigte sie sich etwas. Der gutmütige Bass des Barbaren, tat sein Übriges. „Ja, wir reiten nach Dor Menel. Doch wirst du keine Elben zusehen bekommen, wenn du dich nicht an die vereinbarten Regeln hältst! Hast du das verstanden, Titta!?“
Nickend, schob sich Xenja die Kapuze etwas aus den Augen. „Ye, Odion!“
Ernst und feierlich, wiederholte sie die Regeln, wobei sie ihre zarten Finger hob. Einen für jede Regel. „Erstens, verdecke immer deine Ohren und zeige niemanden, dein weißes Fell. Zweitens, entferne dich nie zu weit von der Gruppe. Drittens, Halte dich von anderen Wesen fern, egal welcher Rasse sie angehören, da du nicht weist ob sie der dunklen Seite dienen. Und Viertens, tue bei Gefahr immer das was dir von einem der Gruppe gesagt wird, damit dir nichts geschieht.“ Stolz sah sie von einem zum anderen. „Befolge jede einzelne diese Regeln immer und jederzeit und du wirst die Elenmin, Sternenfeste, über den Rauros lanthir, tosenden Wasser, sehen. Und im Ael ely, See der Träume, baden können.“
Ihren Kopf leicht zur Seite neigend, sah sie Nathaniel zweifelnd an. „Letzteres glaube ich nicht. Die Elben werden mich bestimmt nicht im See baden lassen.“
Das gütige Lächeln des alten Zauberers wärmte ihr Herz. „Xenja, ich weiß, das die Hohepriesterin Vana von dir entzückt sein wird. Du wirst sehen. Es warten noch viele Wunder auf dich.“ Mit diesen Worten schwang er sich auf sein Pferd, das bei näherer Betrachtung, als eine Mischung aus Hravana und Laurroch zu erkennen war. Was bei Arkan und Melco ein irritiertes Stirnrunzeln hervorrief. Wie konnte es sein, das sich ein Laurroch mit einem Hravana paarte. Diese Pferde würden so etwas doch niemals tun. Oder doch?
Beide mussten jedoch zugeben, das der schwarze Hengst, seiner mysteriösen Herkunft zum trotz, eine beeindruckende Erscheinung war.
Den eleganten Körperbau des Laurroch vereint mit der Kraft des Hravana, bot er ein schönes Bild. Mähne und Schweif, waren sehr lang und dicht und über den Hufen
zeigte er den gleichen Behang wie die Hravana. Die klugen Augen musterten die Anwesenden aufmerksam. Es schien, als hätte er die gleiche Intelligenz wie die Elbenpferde. Seine Größe reichte nicht an die von Voan heran und doch war er um einige Zoll größer als Telpfaire oder Galvorn.
Das seidige Fell klopfend, murmelte Nathaniel dem Hengst Worte zu, was diesen mit den Ohren zucken ließ. „Senda, Alagos! Nin mellon!“
Windsturm, begann auf einmal zu tänzeln. Den edlen Kopf herum werfend, schmetterte sein Wiehern über die Wiese. Dem Blick des Hengstes folgend, erkannten die Freunde eine weiße Stute, die sich aus dem Schatten der alten Feste löste.
Die Stute war ein Laurroch und erklärte die Herkunft Alagos und doch warf sie auch gleich neue Fragen auf. Woher stammte sie und wieso war sie im Besitz des Erzzauberers?
 Melco hatte sie nie zuvor bei seinem Großvater gesehen und Arkan war das Tier nicht bekannt. Es schien nicht aus der Zucht der Duvion zu stammen.
Was aber Melco völlig verstummen ließ und Odion einen bewundernden Pfiff entlockte, war die Person die auf der Stute ritt. Über dem himmelblauen Kleid aus Feenseide, trug sie einen Umhang aus dunkelbraunem Leder. Das lange silberweiße Haar hatte sie in ihn hinein gesteckt. Die Füße steckten in weichen dunkelblauen Schuhen, die ihr bis zu den Knöcheln reichten.  Ihre Haltung wirkte stolz und doch etwas unsicher, fast so, als hätte sie nie zuvor auf einem Pferd gesessen. Die Stute hingegen setzte so behutsam und stolz ihre Schritte, als hätte sie einen besonderen Schatz zu tragen. Was Melco jederzeit bestätigen würde.
Als die Stute ihren Schritt, neben Alagos verhielt, blickte ihre Reiterin alle aus den unergründlichsten und schönsten Augensternen an, die die Freunde innerlich erschauern ließen. Keiner, von ihnen konnte sich ihrem Zauber entziehen. Elno zupfte sich verlegen an seinem Bart, während Odion nervös mit den Zügeln spielte. Melcos Augen hingen an ihr und ihre Schönheit, ließ sein Herz singen.
Arkan zuckte zusammen, als er merkte, wie sich ihre Schönheit, die Reinheit ihrer Seele über seine zu legen begann und das Dunkle zurück drängte. Der unnahbarste Krieger der Duvion spürte, wie sie seine lichte Seite erkannte und hervor zog. Und er ließ es geschehen. Zum ersten Mal, in seinem hundertjährigen Leben, verspürte er eine Wärme in seinem Herzen, die er selbst als Kind nie kennen gelernt hatte.
In dem Augenblick, wo sich ihre Blicke trafen, wurde ein Bund geschlossen und im Buch der Orakel erschien unbemerkt, eine neue Prophezeiung.
Als Xenjas Stimme die Stille durchbrach, verflog der Zauber des Augenblicks.
„Aiya, Lady Serina! Schön das ihr mitkommt.“ Die Augen der Frau ruhten auf dem Gesicht des Kindes, als ein Lächeln das makellose Gesicht zum Strahlen brachte. „Natürlich werde ich euch begleiten. Ich habe Fragen die mir nur die Priesterin der Elben beantworten kann. Zumindest, hoffe ich das!“ Beim Klang der bezaubernden Stimme, erklangen bei den Freunden Seiten ihrer Seelen und zogen sie mehr in ihren betörenden Bann.
Arkan sah von Serina zu Melco und bemerkte die Veränderung, die mit seinem Freund vorgegangen war. Er sah in den sonst so gefühllosen Augen eine Liebe, die die Seele des Halbelb erstrahlen ließ. Sein Freund hatte sein Herz einer Frau geöffnet und nicht nur das, er hatte ihr seine Seele geschenkt. Arkan, konnte dies so deutlich sehen, wie jeder Duvion, in die Seelen seiner Gegner blicken konnte. Sie erkannten dort Ängste, Liebe und Hass, genau so wie Schmerz. Es war eine Fähigkeit die den Duvion oft Vorteile im Kampf einbrachten und hier dazu führte, dass der Elb beschloss alles dafür zu tun, das sein Freund seine Seele nicht in der Hoffnungslosigkeit des Vergessens verlor.
Seine Stimme klang zwar hart, aber doch weicher als sonst. „Seit Ihr sicher, das Ihr dies tun wollt? Die Reise birgt Gefahren und es kann durchaus geschehen, das wir auf Kreaturen des Dor Gwann stoßen.“
Ihre Stimme war so weich und süß wie Honig, als sie ihm antwortete. „Macht Euch keine Sorgen. Ich bin schon einmal diesen Kreaturen begegnet und auch wenn ich beim Gedanken, an eine erneute Begegnung erzittere, werde ich ganz sicher nicht in Angst erstarren und keinem der Gruppe zur Last fallen. Außerdem hat mir Tuilinn versprochen das sie immer mehrere Galoppsprünge vor den Kreaturen des Bösen sein wird.“ Bei diesen Worten, strichen ihre schlanken Finger durch die lange Mähne der Stute. Die grazile Schwalbe, schnaubte bestätigend und stampfte kurz mit ihren Hufen auf.
„Und sollte ihre Schnelligkeit nicht ausreichen, werden meine Pfeile ihre Ziele finden!“ Tara ritt auf ihrem Mallanara auf die Gruppe zu. Balthier saß auf seinem Mallanroch und hielt sich dicht an ihrer Seite. Das Gesicht unter dem Tuch verborgen, blitzten seine Augen herausfordernd in die Runde.
Bei dem Anblick, des mächtigen Mallanarabullen und der Krieger der Wüste, war die Überraschung deutlich in den Gesichtern der Freunde zu sehen. Nur Melco und Ithildae blieben gelassen, während Arkan nur leicht eine Augenbraue hob.
Xenjas Augen hingen gebannt an Tara. Sah sie doch das erste Mal seit Wochen, eine Kriegerin ihres Volkes. 
Melco hieß sie willkommen. „Schön euch gesund wieder zu sehen. Eure Fertigkeiten können von großem Nutzen für uns sein.“
Taras Augen erwiderten seinen Blick und funkelten herausfordernd. „Nun, wir sind dem Avathar noch etwas schuldig. Außerdem werden wir das weiße Kind der Lorin, nicht allein durch das Land reisen lassen, wenn überall die Brut des Bösen lauert.“ Liebevoll legte sich ihr Blick auf das Kind. „Niemals werde ich, Tara, Tochter des Waldo vom Stamm der Sotar, zulassen das dir ein Leid geschieht. Als wir von dem Schicksal der Lorin erfuhren, sind wir sofort aufgebrochen um dich zu beschützen.“
Balthiers Antwort war nur ein leises Nicken mit dem Kopf, doch in seinen Augen leuchtete ein Lächeln, das Xenja sofort für den stillen Krieger einnahm.
Elno brummte unwillig. „Nun, Langohr! Wer sagt uns, dass du und dein stummer Freund nicht nur Ballast seid. Kann euer Kitz überhaupt mit unseren Tieren mithalten?“
Als Taras kalter Blick den Zwerg traf, war deutlich ihr Zorn zu spüren. War sie doch noch nie mit einem Zwerg zusammen getroffen und kannte die rüde Art dieses Volkes nicht. „Ihr würdet nicht so reden wenn Ihr das Volk der Viandaner besser kennen würdet. Und das Volk der Surhena so zu beleidigen, kann Euren Tod bedeuten. Balthier ist ein Surion aus dem Stamm der Rum lhuga, der Wüstenschlangen. Kein Stamm der Surhena hat bessere Krieger hervorgebracht, als dieser. Und was mein „Kitz“ betrifft. Er ist ein Mallanara und Ihr könnt mir glauben, wenn ich sage, dass Pan es locker mit diesen Pferden aufnehmen kann. Nicht zu vergessen, Sky. Er ist ein Mallanroch. Was das heißt, sollte Euch über seine Schnelligkeit klar werden lassen.“ Mit jedem Wort redete sie sich mehr in Wut, als Balthier seinen Hengst, durch einen leichten Schenkeldruck nach vorn trieb.
Sein spöttischer Blick traf Elno und seine ruhige Stimme, ließ Tara verstummen.
„Was für ein Tier reitet Ihr? Ich kann es nirgends sehen. Oder laufen Zwerge lieber zu Fuß? Das würde uns aber unnötig aufhalten.“
Diese unverhoffte Ansprache ließ Elno nach Worten suchen, bevor er lospolterte. „Pah, natürlich laufe ich nicht zu Fuß. Zumindest nicht wenn wir es so eilig haben.
Mein Angar ist stark und schnell. Er nimmt die Herausforderung an!“ 
Melco schüttelte lächelnd den Kopf. Oh, Elno und sein Starrsinn. Das konnte noch interessant werden.
Einen schnalzenden Ruf ausstoßend, rief Elno sein Tier herbei.
Das Unterholz barst krachend. Und im Zwielicht des Waldes erschien eine massige Gestalt, die bei den Gefährten Erstaunen hervorrief.
Ein riesiger Wildscheinkeiler, von gut vier Fuß, brach sich einen Weg und trat schnaufend und grunzend auf die Wiese. Sein massiger Schädel wurde von drei paar Hauern zu einem beeindruckenden Anblick. Das schwarzbraune Borstenkleid verströmte den typischen Geruch nach Schwein und ließ Arkan, angewidert die Nase rümpfen.
Auf dem breiten Rücken trug der Keiler einen Sattel aus schwerem Leder. Ein Gebiss aus Dickem Eisen war mit den Zügeln und einem eisernen Ring verbunden, der durch die Nase des Tieres gezogen war.
Tara klappte den Mund mehrmals auf und zu, ohne dass auch nur ein einziger Laut aus ihrer Kehle schlüpfte. Während Pan und die Pferde nervös schnaubend versuchten, den Geruch einzuordnen.
Arkans Gesicht verzog sich zu einer angewiderten Grimasse. „Das kann nicht euer Ernst sein, Andafangar!? Ein Uvanlavan!“
Elno streichelte beschwichtigend, über das grobe Fell des Keilers. „Nenn mich ruhig Langbart! Aber wage es nicht Angar, als hässliches Tier zu bezeichnen! Das würde dir schlecht bekommen, Spitzohr!“
Ohne auf den Zwerg weiter einzugehen, riss Arkan seinen Hengst auf der Hinterhand herum und trieb ihn im Galopp durch den Wald.
Melco trieb Telpfaire hinterher und rief dem beleidigten Zwerg noch herausfordernde Worte zu. „Hör auf zu schmollen wie ein Kind, Elno! Lass Eisenzahn zeigen was er kann!“
Fluchend und alle Spitzohren in die Nunambar wünschend, schwang sich Elno auf Angar und trieb ihn den Hengsten hinterher. Die anderen folgten ihnen.
So machte sich die wohl ungewöhnlichste Gruppe, die Jandara je gesehen hatte auf den Weg, ihrem Schicksal entgegen.

 

 

Weit im Norden, hinter der schwarzen Wand des Mortauradrim, stand eine dunkle Gestalt vor einem Spiegel aus schwarzem Obsidian. Garadosa streckte seine rechte Hand nach der glänzenden Fläche aus. Langsam bewegte er sie hin und her, bis sich der Spiegel klärte. Seine Augen, so kalt wie schwarzes Eis, hingen gebannt auf dem glatten Kristall. Ein leicht verzehrtes Abbild seines Gesichts spiegelte sich auf der Oberfläche, doch war seine Aufmerksamkeit auf das gerichtet, was sich in den Tiefen des Kristallspiegels zutrug.
Deutlich sah er eine Gruppe von Reitern, die aus Vertretern aller Rassen Jandaras zu bestehen schien. Er sah deutlich eine kleine Gestalt im grünen Umhang der Waldelben, vor einem Barbaren, sowie einen Zwerg auf einem dieser riesigen Schweine, die er persönlich sehr mochte. Besonders gegrillt.
Eine Viandanische Kriegerin trieb ihr Mallanara dicht neben einem Surion über die Ebene. In der Mitte der Gruppe ritten ein alter Mann mit grauem Haar und eine zierliche Frau, wahrscheinliche eine Hochelbin. Wenn er von ihrer Erscheinung und dem Pferd ausging, das sie ritt.
Doch es war etwas anderes, das seine volle Aufmerksamkeit forderte. Es waren die beiden Reiter an der Spitze, die von einem silbergrauen Elbenwolf begleitet wurden.
Der eine, auf dem nachtschwarzen Pferd, war ohne Zweifel ein Mornedhel. Doch der andere auf dem grauen Pferd war es, der immer mehr den Blick des Dunklen auf sich zog. Der schwarze Mantel trieb frei im Wind und verhüllte seinen Träger nicht vor dem kalten Blick.
Die Hand nach dem jungen Zauberer ausstreckend, schloss er die Finger zur Faust. Das schwarze Leder seines Handschuhs knarrte leise, als er sie ballte. Die Dornen aus dem schwarzen Kristall der Orod Nar, der Feuerberge, funkelten im Schein der Fackeln. Diese, von dem gleisenden Zaubererfeuer gespeist, hüllten den Raum in ein unheimliches Licht.
Die kalte und schneidende Stimme des Dunklen, hallte an den steinernen Wänden wieder. „Ech nauta nin! Ire ech drega, gen doltha, im ira gen hira! Ned arad, ned an gin naneth mi nan nar gwanno, nauta ech nin! Bawa, iri gen edraith!“
Die Worte schlugen durch die dunklen Wände, aus dem schwarzen Granit des Mortauradrim. Sie hallten durch alle Gänge und ließen die Goblins furchtsam die Köpfe einziehen. Selbst die Orks hielten in ihrem Tun inne und lauschten ängstlich den Worten nach. Der Zorn des Schwarzzauberers war deutlich in jeder Silbe zu verstehen. Es war eine Kampfansage und eine Drohung zugleich. „Du gehörst mir! Wenn du fliehst, dich versteckst, ich werde dich finden! Seid dem Tag an dem deine Mutter in meinem Feuer starb, gehörst du mir! Nichts, wird dich retten!“
Bei den letzten Worten drehte er die geballte Faust und zog sie zu sich heran. Das Bild zentrierte sich und wurde größer, bis nur noch Melco zusehen war, der über die Ebene jagte. 
Fast liebevoll strichen Garadosas Finger über das junge Gesicht. Verhielten bei der Narbe um ihren Verlauf nach zu zeichnen. „In den letzten Jahren bist du zu einem beeindruckenden Zauberer herangereift. Diese Kräfte die in dir schlummern, werde ich zu wecken wissen. Und dann wirst du mir dienen. Bis in alle Ewigkeit gehörst du mir!“ Das helle Klirren von Ketten und ein leises Stöhnen ließ ihn grinsen. Langsam drehte er sich zu den Geräuschen um.
In der Wand, dem Spiegel gegenüber, waren schwere Ringe aus dem schwarzen Metall eingelassen, das im Feuer der Orod Nar geschmiedet wurde. Ein Metall das in seinen Eigenschaften den Gegenpol zu dem Mondstahl bildete, der so selten wie das Sternensilber, nur bei den Hochelben zu finden war. Diese eingebildeten Elben, die sich auch Lichtelben nannten, waren ihm schon immer im Weg gewesen. Doch dieser eine von ihnen, hatte seinen Hochmut verloren.
Kalt waren Garadosas Augen, als er den zerlumpten Elb betrachtete der durch schwarze Ketten, mit den Ringen verbunden war.
Das ehemals blonde Haar fiel ihm verdreckt ins Gesicht. Der einst schlanke und drahtige Körper wirkte ausgemergelt und doch war in seinen dunklen Augen eine Herausforderung, ein Trotz zu lesen, der den Schwarzmagier zur Weißglut brachte.
„Was, glaubst du etwa ich würde versagen?“ Seine Stimme donnerte durch den Raum. Dicht an den kauernden Elb herantretend, packte er ihn am zerschlissenen Kragen, des einstmals goldenen Umhangs. Den schlaffen Körper vom Boden reißend, zog er das Gesicht dicht an seins heran. Die Hände des Elben packten das Handgelenk des Dunklen. Seine Augen blitzten.
Garadosas Griff wurde fester, als er den Elb zum Spiegel drehte. Die freie Hand richtete sich auf das Bild des jungen Zauberers. „Sieh da!“ Seine Stimme wurde kälter, als er den Befehl auf Elbisch wiederholte. „Elo!“
Der Blick des Elben flackerte, als er sich auf das Bild im Spiegel richtete. Erkennen blitzte kurz in ihm auf um sofort wieder zu verschwinden.
Im Inneren hatte er das Gefühl diesen Mann zu kennen und doch wusste er, das er ihm noch nie begegnet war. Oder doch? Waren die zwanzig Jahre Gefangenschaft inzwischen doch in seinen Verstand gekrochen? Gebannt sah er zu dem jungen Gesicht und zu der leuchtenden Narbe, die sich über seine rechte Gesichtshälfte zog. Irgendetwas an diesem Jungen zog ihn an. Er wusste nur nicht was es war.
Garadosa registrierte zufrieden, wie es im Geist des Elben tobte. Wie er verzweifelt versuchte, seine Erinnerung nach diesem Jungen zu durch forsten. Ohne Erfolg.
Sein Blick heftete sich fest auf das eingefallene Gesicht des Elben. Er beobachtete es genau, als er zu ihm sprach. „ Nun, Baodur! Du scheinst etwas überfordert. Ich werde dir helfen!“ Seine Stimme wurde schneidend. Jedes Wort deutlich betonend, breitete sich ein teuflisches Grinsen in seinem Gesicht aus. „Dies ist Melco Vandara. Er ist ein Halbelb. Seine Mutter hieß Aura Vandara!“
Die Augen des Elben weiteten sich. Begreifen wuchs in ihnen.
Garadosa genoss es, die Panik in den sonst so stolzen Augen zu sehen. Er zog die letzten Worte, den Todesstoß, in die Länge.
„Er ist dein Sohn!“
Einen schrecklichen Schrei ausstoßend, brach der Elb zusammen und hing schlaff in den Armen seines Peinigers. Dieser stieß den leblosen Körper von sich. Krachend schlug der Elb gegen die Wand um haltlos in sich zusammen zu fallen.
Das grässliche Lachen des Schwarzmagiers, hallte noch lange durch die Mauern der schwarzen Burg. Der Morbarad.
 
 
 
Dumpf drangen Geräusche in sein Bewusstsein und holten ihn aus der Ohnmacht, zurück ins Leben. Ein stechender Schmerz breitete sich über seine linke Körperhälfte aus und betäubte langsam die Muskeln seines linken Beins. Er hatte das Gefühl, als würde es ihm aus dem Leib gerissen. Der Schmerz steigerte sich zur Unerträglichkeit und riss seine spröden Lippen auseinander. Doch der Schrei erstickte schon in seiner ausgedörrten Kehle, bevor er überhaupt gehört werden konnte.
Blut quoll aus den erneut gerissenen Lippen. Der Geschmack nach Kupfer und Eisen ließ ihn würgen und doch zog er soviel von der roten Flüssigkeit in seinen Mund, wie er konnte. Langsam ließ er das Blut die Kehle hinunterlaufen und stellte sich zum wiederholten male vor, das dies das köstliche Wasser des Ivorael, des Kristallsees, sei. Die Erinnerungen an diesen klaren und kalten See in den Bergen von Dor Menel, ließen ihn in Trauer erstarren. Tränen brannten hinter seinen Augen und doch blieben sie trocken. Er hatte nicht mehr genug Flüssigkeit in seinem Körper, als das er auch nur einen Tropfen hätte vergeuden können.
Zitternd stützte er seine Hände auf den rauen Granit. Mühsam stemmte er seinen gequälten Körper hoch und schaffte es, sich in eine sitzende Position zu bringen, in der er sich untersuchen konnte. Das linke Bein war gebrochen. Es stand in einem unnatürlichen Winkel von seinem Körper ab. Deutlich spürte er wie die Knochen aneinander rieben und erneute Schmerzwellen durch seinen Körper jagten.
Seine müden und verquollenen Augen, tasteten über den schwarzen Fels. Das Licht der Fackeln, ließ bizarre Schatten über ihn tanzen und gaugelten Bewegung vor wo keine war. Plötzlich blitzte etwas auf. Die Augen auf die Stelle heftend, stierte er in die Dunkelheit. Eine erneute Bewegung der Schatten und er erkannte eine Schale. Hoffnung und Freude ließen sein Blut schneller durch seinen Körper fließen, als er erkannte von wo die Lichtreflektionen kamen. Die Schale war bis zum Rand mit Wasser gefüllt. Köstliches Wasser!
Eilig kroch er auf die Schale zu. Das gebrochene Bein schickte Schmerzpfeile durch seinen Köper. Krampfend zogen sich die Muskeln zusammen und doch kroch er weiter. Die Zähne fest zusammen gebissen, zog er sich Stück für Stück vorwärts. Klirrend, strafften sich die Ketten. Schmerzhaft wurden seine Arme zurückgerissen, als er den Bewegungsspielraum seiner Fesseln überschritt. Es waren nur noch wenige Zoll, die ihn vom Wasser trennten.
Wütend stieß er die Luft durch die Zähne. Mit zusammengepressten Kiffern, schob er sich herum und zwang sein gebrochenes Bein mit dem gesunden zusammen zuarbeiten. Vorsichtig legte er die Füße um die Schale und spannte die Muskeln an. Behutsam und Stück für Stück, zog er sie zu sich heran. Mit der Kraft und dem unbändigen Willen eines Mannes, der einen neuen Grund gefunden hatte um zu überleben, kämpfte er gegen die Übelkeit an, die das Reiben der gebrochenen Knochen hervorrief. Trieb er die aufkeimende Ohnmacht zurück.
Leise schwappte das Wasser in der Schale und lief in kühlenden Rinnsalen über die geschundenen Füße, die nur noch dürftig von den ledernen Stiefeln bedeckt wurden.
Die Knie an den Körper ziehend, schaffte er es endlich das Wasser zu sich heran zu ziehen. Gierig stürzte er sich darauf und zog in tiefen Zügen das kühle Nass in die gedörrte Kehle. Mit jedem Zug, mit jedem Schluck kehrte das Leben in ihn zurück.
Mit der Energie kehrte auch sein logischer Verstand zurück und ließ ihn innehalten. Er durfte nicht zu gierig sein und alles sofort austrinken. Es würde nur Übelkeit erzeugen und außerdem wusste er nicht, wann er das nächste Mal etwas zu trinken bekommen würde. Dem Schwarzzauberer gefiel es, ihn Leiden zu lassen.
Mit der Erinnerung an den Dunklen, kehrten auch die Erinnerungen an das Geschehen zurück, bevor er die Besinnung verloren hatte. Mit den Händen die Schale dicht zu sich heranziehend, sah er sich um. Sein Blick strich durch das Zwielicht und fand schließlich wonach er suchte.
Vom Licht zweier Fackeln angestrahlt, funkelte der schwarze Kristall und warf das Licht hundertfach, von seiner spiegelnden Fläche in den Raum zurück. Und wieder glaubte er ihn zu sehen. Ihn, den jungen Zauberer, den Halbelb. Melco. Seinen Sohn!
Er rief sich das Gesicht in Erinnerung zurück und betrachtete es noch einmal. Die jungen Züge, die schon so viel Leid gesehen hatten, dass sie sich verhärtet hatten. Die lange Narbe, die durch Magie entstanden zu sein schien. Die braunen Augen, die so entschlossen blickten. Diese Augen, die ihn so sehr an Aura erinnerten.
Das liebliche Gesicht der jungen Priesterin der Serin in Erinnerung rufend, zog sich sein Herz vor Liebe und Trauer zusammen. Er wusste nun, dass sie gestorben war und er kannte auch ihren Mörder. Hass auf den Dunklen spülte über ihn hinweg und ries die Bilder von Aura und Melco mit fort. Die Fäuste ballend, hieb er sie auf den Stein. Er würde überleben und er würde einen Weg finden zu fliehen. Niemals zuvor, in all der Zeit, hatte er so einen unbändigen Hass gegenüber dem Menschen empfunden, der alle Gesetze der Magie und der Natur ignorierte und wissendlich übertrat, um sein schändliches Werk zu vollenden. Der Dunkle wollte also Melco zu seiner Kreatur machen. Zu seinem Werkzeug!
Entschlossen fasste Baodur mit beiden Händen sein linkes Bein. Heftig war der Ruck, der es wieder in seine natürliche Position brachte. Vor Schmerz und Wut bebend, starrte er auf den schwarzen Spiegel. Das Letzte an Magie mobilisierend, das noch in ihm war, ließ er einen Strom heilender Wärme durch den zerstörten Knochen und das gerissene Fleisch fließen. Die Augen funkelten, als er einen Entschluss fasste.
Sein Sohn würde niemals in die Hände Garadosas gelangen.
Aura Vandara, die größte Liebe seines tausend jährigen Lebens, hatte er schon an Garadosa verloren. Er würde nicht auch noch seinen Sohn verlieren. Nicht jetzt, wo er ihn erst gefunden hatte. Niemals würde er dies noch einmal geschehen lassen.
Er würde ihn retten und wenn er selbst dabei sterben sollte.
 
Nichts von den Gedanken ahnend, die seinen Gefangenen beherrschten, eilte Garadosa durch seine Burg. Die helle Lichtkugel, die über seinem Stab aus schwarzem Kristall, dem Morivor, in der Luft schwebte, erhellte ihm den Weg. Dumpf hallten seine Schritte in den schwarzen Gängen wieder. Die Kreaturen der Nacht, die sich in den Ritzen und Löchern des Granits eingenistet hatten, huschten unter rascheln und quieken davon, sobald der Lichtkegel sie berührte.
Das leise Hämmern und Kreischen wurde lauter, je näher er kam. Genauso wie die Geräusche, nahm auch die Hitze zu, bis sie ein fast unerträgliches Maß erlangt hatte.
Das Ende des Gangs erreichend, trat er hinaus ins rötliche Licht.
Unter ihm wälzte sich träge und doch unaufhaltsam, ein breiter Lavastrom durch sein Bett aus schwarzem Granit. Rot und Gelb leuchtete er und warf das Licht, zusammen mit seiner Glut von den Wänden zurück. Überall waren Stege und Terrassen in den Fels gehauen, auf denen sich geschäftig, dunkle Schatten bewegten.
Mit einer großen Genugtuung, betrachte Garadosa sein Werk.
Dies war wohl die größte und heißeste Schmiede in ganz Jandara. Er wagte sogar zu behaupten, dass selbst die Esen der Zwerge kälter waren. Doch benötigte er diese Urkraft des Feuers, des flüssigen Steins, um sein Werk zu vollenden.
Überall waren auf den Terrassen Esen aus dem Fels gehauen. Gespeist vom endlosen Lavastrom, brannten sie ohne Pause. An jeder waren Sklaven aus den verschiedensten Völkern Jandaras gekettet und schmiedeten die Waffen, die ihren Völkern den Tod bringen würden. Welche Ironie!
Die Augen schließend, lauschte der Schwarzzauberer der Musik des Todes und des Leids. Zwischen dem unablässigen Klingen der Schmiedehämmer, waren das Stöhnen der Sklaven und das Klatschen der Peitschen zu hören. Quietschend und Kreischend, fuhren die eisernen Loren von Plattform zu Plattform und belieferten die Esen mit dem nötigen Material oder nahmen Passagiere auf, um sie zu neuen Aufgaben zu bringen. Und über all dem das Brüllen des Feuers, der Urstrom.
Ja, dies hatte er geschaffen. Er würde der mächtigste Zauberer in ganz Jandara sein und über die tödlichste und größte Armee verfügen, die je ihre Spuren auf der Erde gezogen hatte.
Die Urgewalten der Erde, waren in seinem Reich vereint. Das Tosen des Meeres
konnte er nicht nur von der Spitze des Turmes aus hören, sondern auch sehen. Über ihm die Weite des Himmels und unter ihm die gewaltige Kraft des Urstroms. All die herrliche und zerstörerische Macht der wichtigsten Elemente hatte er auf seiner Seite.
Die Augen öffnend, ballte er seine freie Hand zur Faust. Er würde die Nunambar öffnen und die Herrschaft über alles Leben und über alles Tote erlangen. Niemand, würde höher stehen als er.
Das Einzige, das ihm dafür noch fehlte, war der Stab der Macht. Dieser Stab, auch Ehtvala genannt, war es, den er sich ersehnte. Wer diesen Stab besaß, konnte alle Elemente, alle Mächte der Welt, sich Untertan machen. Der Träger dieses Stabes würde Unverwundbar sein! Und er würde ihm gehören!
Leise, schlurfende Schritte, rissen ihn aus seinen Gedanken. Verärgert fuhr er herum.
Ängstlich duckte sich ein Dunkelelb, unter der erhobenen Faust des Zauberers. „Daerithron, verzeiht das ich euch störe, aber alles ist bereit!“ Während er sprach, starrte der Elb, den Boden vor den Füßen des Zauberers an. Vorsichtig wich er einen halben Schritt zurück.
Garadosa, verzog angewidert das Gesicht. Diese Mornedhel waren genau wie die Orks und Goblins unangenehme Kreaturen, die ihn nicht zufrieden stellten. Und doch, brauchte er sie. Sie waren den Orks an Intelligenz weit überlegen und waren besser dazu in der Lage seine Befehle auszuführen, als diese nichtswürdigen Kreaturen.
Besonders seit er ihnen ihre Seelen genommen hatte.
Ja, auf dem ersten Blick schien dieser Elb genau so zu sein, wie alle anderen im Eryn Vorn. Doch er war es nicht. Bei genauer Betrachtung, fielen die aschgraue Haut und der leblose Blick auf.  Waren die Mornedhel schon immer etwas grauer, blasser, als ihre Verwandten die Lichtelben, so war diese Farbe selbst für sie ungewöhnlich.
Und wem noch Zweifel plagten, brauchte ihm nur in die dunklen Augen zu sehen. Ihnen fehlte der Glanz. Der Lebensfunke war aus ihnen gewichen und hatte einer kalten Leere Platz gemacht.
Dieser Mornedhel, war genau wie die anderen in seinem Besitz, zu einer willenlosen Marionette geworden, die jedoch noch immer über ihre angeborenen Fertigkeiten und ihr Wissen verfügen konnten.
Er hatte auch schon versucht Lichtelben zu seinen Marionetten zu machen. Doch bisher ohne Erfolg.
Die Lichtelben, denen er versucht hatte die Seele zu entziehen, waren gestorben und hatten sich in Lichtsäulen aufgelöst, die dann ungehindert durch die Granitwände seiner Burg gleiten konnten, um sich so seinem Zugriff zu entziehen. Wieso dies bei den Mornedhel nicht so war wusste er nicht, doch nahm er an, dass dies mit dem Umstand zusammen hing, das sie sich vom Pfad des Lichts abgewendet hatten.
Wer dem Weg des Blutes und des Todes folgte, gab sich auch schneller mit dem lebenden Tod zufrieden.
Sich an den geduckten Elb wendend, war seine Stimme schneidend und kalt. „Habt ihr auch wirklich alles vorbereitet? Ich will nicht schon wieder erleben, dass ihr versagt!
Erst habt ihr das Sternenkind verloren und euch dann auch noch das Einhorn der Serin, entkommen lassen!
Ich werde kein weiteres Versagen tolerieren! Wenn ihr dieses mal scheitert, werfe ich euch in den Urstrom, wo ihr auf ewig verbrennen werdet. Ohne jemals zu sterben!“
Die Augen des Elb flackerten. Todesqualen ließen sein Gesicht zucken. Seine Seele, die im schwarzen Kristall gefangen war, schrie auf. Doch blieb ihr Flehen ungehört. Nur die glatte Oberfläche des Stabes begann in bläulichen Lichtwellen zu flackern.
Garadosa beachtete dieses Aufbegehren nicht. Gebieterisch hob er die behandschuhte Faust und wies zum Ausgang. „Geh! Bringe mir Melco Vandara! Aber, bring ihn mir lebend! Seine Gefährten jedoch, darfst du töten, sollten sie sich nicht gefangen nehmen lassen. Sie, brauche ich nicht!“
Kaum war der Elb davon gehuscht, drehte sich Garadosa wieder um. Ein teuflisches Grinsen breitete sich auf seinem Gesicht aus, als er über die Schmiede hinweg in den Sternenhimmel sah.
Sein Blick heftete sich auf den hellsten Stern. Auf Serin.
Bald, würde die Macht des Lebens ihm gehören und mit ihr ganz Jandara.

 

 

18.10.2009 15:52:42

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