Kapitel 5

Helles Kinderlachen, schallte durch die langen Flure der silbernen Festung. Die Zauberer und ihre Lehrlinge hielten kurz inne, um sich dann wieder ihren jeweiligen Aufgaben zu zuwenden. Keiner beachtete länger den kleinen Wirbelwind, der hier so fehl am Platz schien.
Xenja rannte zum Tor. Ihre neuen Stiefel klackten leicht auf den marmornen Fliesen und hallten dumpf auf dem Granit des Hofes, als sie völlig außer Atem neben der Torwache ankam. Ungeduldig wartete sie bis das Tor sich geöffnet und ein Reiter sowie ein großer Wolf den Innenhof betreten hatten. Den Wolf fest in ihre Arme schließend, schmiegte sie ihr Gesicht in sein silbergraues Fell. Dieser ließ es gutmütig über sich ergehen.
„Ithildae, Melco! Ich habe schon auf euch gewartet.“ Ein vorwurfsvoller Blick aus wasserblauen Augen traf den jungen Zauberer, der gerade von Telpfaire gestiegen war „Ihr wolltet schon vor zwei Tagen zurück sein!“ Trotzig baute sie sich vor ihm auf. „Odion ist auch fort. Es ist langweilig. Die Zauberer behandeln mich wie ein interessantes Tier und die Lehrlinge wollen nichts mit mir zu tun haben. Du hast gesagt, dass ich hier ein Zuhause finde. Aber es gefällt mir nicht!“
Vor  dem aufgebrachten Mädchen in die Hocke gehend, wischte ihr Melco eine Träne von der Wange. „ Es tur mir leid, Titta. Du musst nicht hier bleiben. Ich werde dich zu meinem Großvater bringen. Er wird dir gefallen, er lebt nur mit Unmengen von Tieren zusammen, die er mal irgendwann und irgendwo gerettet hat.  Er zog mich auf, seit ich acht Jahre alt war. Er wird sich sicher über deine Gesellschaft freuen.“
Neugierig legte sie ihren Kopf leicht zu Seite, wobei ihre Ohren leicht hin und her wackelten. „Wenn du ihn liebst, werde ich es versuchen!“ Diese klare und unverrückbare Antwort, ließ etwas in Melco klingen. Wie sehr er bereits diesem kleinen Leben verfallen war, merkte er erst jetzt. Er war glücklich, wenn er sie glücklich machen konnte. So etwas hätte es vorher nie gegeben. „Gut, dann ist das abgemacht. Wir werden Morgen aufbrechen. Bring doch bitte Telpfaire zu den Ställen und reib ihn ab.“
Ein Strahlen ging über Xenjas Gesicht. Ihre Finger glitten durch sein braunes Haar, als sie freudig nickend aufsprang. Als Melco sah, wie sein sonst so unberechenbarer Freund mit diesem Kind mitging, als sei er ein Schoßhund, wunderte er sich wieder, wie schnell sie es geschafft hatte, die Herzen zweier verletzter Einzelgänger zu erweichen.
Seine braunen Augen bekamen einen kalten Glanz, als er zu dem weißen Gebäude aufsah. Sie, die so ein großes Herz besaß, wurde von diesen überheblichen Zauberern wie ein Tier behandelt? Nun, darum würde er sich kümmern. Mit festen Schritten schritt er über den freien Platz durch das große Tor und verschwand, zusammen mit Ithildae, im Inneren.
 
 
Nicht weit entfernt im verwilderten Garten der alten Feste, beobachtete Tara die seltsame und doch wunderschöne Frau, die zusammen mit dem Zauberer in dem alten Gemäuer lebte. Sie stand an der Außenmauer gelehnt und verfolgte jede Bewegungen dieses Wesens, das nicht wie ein Mensch wirkte. Doch konnte sie mit ihrer hellen Haut und dem silberweißen Haar auch eine Elbin sein. Was gut möglich war, da Tara bisher noch nie eine gesehen hatte und so keine Vergleiche heranziehen konnte. Hätte sie dies tun können, wäre ihr aufgefallen, dass selbst die Schönste unter den Elben, neben dieser Frau verblassen musste.
Serina saß auf einem kleinen Felsen und ließ ihre bloßen Füße im Wasser baumeln. Um sie herum hatten sich die verschiedensten Tiere versammelt. Auf ihrem Schoß hatte es sich ein Kaninchen gemütlich gemacht, während ein alter Fuchs zu ihren Füßen ruhte. Eichhörnchen saßen auf ihren Schultern und dann waren da noch Rehe, Waschbären, und Vögel in den verschiedensten Formen und Farben.
Als sie vor drei Tagen hier angekommen waren, hatte Tara sich schon über diese Vielzahl an Tieren gewundert, doch nun war es ihr schon fast unheimlich, wie friedlich die Tiere waren. Selbst natürliche Feinde, saßen neben einander ohne sich etwas zu tun. Dieser Zauberer musste sehr mächtig sein und vielleicht war ja sogar diese Serina, eine Zauberin. Zumindest konnte sie sich dadurch erklären, wie schnell sie das Gift aus Balthier Körper gezogen hatten.
Trotz der Kräuter des Avathar war es Balthier schnell so schlecht gegangen, das sie um sein Leben fürchten musste. Erst als sie vom alten Zauberer einen Tee bekommen hatte, konnte sie schlafen. Als sie wieder erwachte lag Balthier, in Lacken gewickelt neben ihr und schlief ruhig und ohne die schrecklichen Krämpfe, die ihn noch kurz zuvor geschüttelt hatten.
Wie sie später erfuhr, waren die Krämpfe ein Nebeneffekt der Kräuter gewesen, die sie vom Avathar erhalten hatte. „Leider, haben diese Kräuter immer diese Wirkung. Doch sind sie für das Orkgift auch vernichtend.“ Mit diesen Worten hatte ihr der Alte diesen gut riechenden Tee gegeben. Seitdem fühlte sie sich gut und ihre Muskelschmerzen waren verschwunden.
Die Stimme des Zauberers donnerte durch die Mauern. Erschreckt sprengten die Tiere in alle Richtungen davon. Selbst Serina zuckte schmerzlich zusammen um dann mit schnellen Schritten in der Feste zu verschwinden.
„Was hat er sich nur dabei gedacht! Dieser störrische Junge, bringt mich noch um mein letztes Braunes Haar! Verdammt noch mal, er ist ein Zauberer und kein Berserker! Der soll sich hier blicken lassen! Ich dreh ihm eigenhändig den Hals um. Enkel hin oder her!“
Tara zog instinktiv den Kopf ein. Ihre Ohren klappten nach hinten und legten sich an den Kopf. Der Wutausbruch eines Zauberers. Sie konnte sich nun vorstellen, warum er so gefürchtet war. Seine Reaktion in Erinnerung rufend, sah sie sich ihm wieder zum ersten Mal gegenüber.
Als er hörte, was ihnen geschehen war und wer sie zu ihm geschickt hatte, war er sehr nachdenklich geworden. Mit der rechten Hand fuhr er sich durch den Bart und sah durch sie hindurch in die Ferne. Seine Worte schienen, an niemanden gerichtet zu sein. „Das gefällt mir nicht, zwei Angriffe kurz hintereinander, dann auch noch den in der Rusterume. Das sind zu viele, zu kurz hinter einander. Es scheint so, als würden sie etwas oder jemanden suchen.“ Bei diesen Worten hatten seine Augen, kurz die strahlende Frau in dem himmelblauen Kleid angesehen. Diese stand in einiger Entfernung und beobachtet alles aus diesen großen dunkeln Augensternen. Den Kopf schüttelnd, wandte er sich ab und gebot ihnen zu folgen. „Nein, von Ihr können sie jetzt nichts mehr wissen, aber wenn suchen sie dann und warum?“
Seit dem hatte Tara den Zauberer kaum noch zu Gesicht bekommen. Immer war er in irgendwelchen Büchern vertieft und richtete kaum ein Wort an sie. Doch Balthier ging es immer besser. Konnte er doch schon wieder ein paar Schritte gehen, ohne zitternd umzufallen.
Gespannt auf den Enkel des Zauberers, beschloss Tara selbst dann noch zu bleiben, wenn es Balthier wieder gut ging. Leise lächelnd, ging sie zurück in die grauen Mauern um ihrem Gefährten ihre Entscheidung mit zu teilen.
Dieser war nicht abgeneigt. Seine Worte hingegen ließen Tara verwundert aufhorchen.
„Nun, sicher, ich würde ihn gerne wieder sehen und mich bei ihm für unsere Rettung bedanken!“ 
„Du meinst also, er ist der Avathar?!“ Behutsam ließ sie sich neben ihm aufs Bett sinken. Ihre braunen Augen suchten seine Grünen. „Das würde erklären, warum er uns zu diesem Zauberer geschickt hat. Aber bist du dir da sicher?“
Das Tuch von seinem Gesicht lösend, lächelte er sie an. „Ja, das bin ich. Die Winde lügen nicht und sie bestätigten meine Vermutung. Er ist der, der uns bei unserer Suche helfen könnte.“ Liebevoll zog er Tara dichter zu sich heran. Sein Blick strich zärtlich über ihr Gesicht. „Und wenn der Avathar das Sternenkind unter seine Obhut genommen hat, brauchen wir uns um es sicher nicht zu sorgen!“ Nickend, strich ihm Tara mit den Fingerspitzen über das nun freie Gesicht. Zeichnete sie seine Lippen nach. Wie ebenmäßig und schön er war, wusste nur sie. Sie musste zugeben, es gefiel ihr, dass die Surhena ihre Gesichter verhüllten. So blieb dieses Gesicht ein süßes Geheimnis, zwischen ihr und Balthier.
Als sich ihre Lippen trafen, vergaßen beide alles um sich herum und sie bemerkten auch nicht, wie sich ein lichter Schatten von der Tür zurückzog, wie sich das Licht in seinen Haaren brach und es als Sternenfunken zurückschickte. Leise verließ Serina den Raum. Lächelnd schritt sie in die Bibliothek. Die Liebe. Sie schien so schön zu sein. Doch ihre Intensität kannte sie nicht. Einhörner waren zu so intensiven, überschäumenden Gefühlen nicht fähig. Sie hatten sie schon vor Jahrhunderten in ihrem Inneren verschlossen um nicht am Leid der Welt zu zerbrechen.
Doch hatte das Schicksal ihr schon die Todesangst, die vernichtende Panik gezeigt und es hatte noch mehr mit diesem Einhorn vor. Es hatte diesem Geschöpf eine besondere Rolle zugedacht.

 

 

Xenjas Augen flogen den Pfad entlang. Auf ihrem Weg sog sie so viele Eindrücke in sich auf, wie sie fassen konnte. Sicher in den Armen des Zauberers, den sie ihren Freund nennen durfte, fühlte sie sich geborgen. Der sanfte und gleichmäßige Tritt des grauen Hengsts, bot Xenja Sicherheit.
Vor ihr teilten sich die Bäume. Ein kleiner Bach sprang gurgelnd über Steine und suchte sich seinen Weg durch eine saftig grüne Wiese. Bunte  Blumen leuchteten aus
dem Grün. In ihrer Mitte ragten die grauen Mauern der alten Feste auf, Iaur Ithrongarth wie sie genannt wurde. Die schwarzen Schieferplatten des Dachs fingen die Sonnenstrahlen ein und gaben sie als kleine Lichtblitze zurück, so dass es aussah, als würde die Feste von sich aus Leuchten.
Staunend, flog Xenjas Blick von einem Ort zum anderen, im Versuch alles auf einmal zu sehen.
Melco sah ebenfalls aufmerksam zur Feste. Doch war es nicht die Schönheit des Ortes, die seinen Blick bannte. Es war der Anblick eines mächtigen Mallanarabullen und eines leichtfüßigen Hengstes mit goldschimmernden Fell und silberweißem Langhaar. Beide grasten friedlich in der Nähe des Bachs. Als sich ihnen Telpfaire näherte, hoben sie ihre stolzen Köpfe und beäugten sie neugierig und wachsam.
Melco versteifte sich unmerklich und als sein Blick auf einer in Blau und Gold gekleideten Gestalt hängen blieb, schob sich in seinem Inneren eine Mauer hoch. Ithildae, bemerkte die Veränderung seines Freundes. Wachsam und zu allem bereit, schloss er dicht zu Telpfaire auf.
Nathaniel sah seinem Enkel entgegen. Sein Zorn auf sein ungebührliches, ja unverzeihliches Verhalten in Gulmin, verrauchte etwas als er das Kind bemerkte, das vor der schwarzgekleideten Gestalt des jungen Zauberers leuchte wie ein Stern am Nachthimmel. Erstaunt und beunruhigt zugleich, bemerkte er die außergewöhnliche Färbung des Wüstenkindes und er fragte sich wie die Kriegerin, auf die Anwesenheit des Sternenkindes reagieren würde. Eine Augenbraue schoss in die Höhe, als er den Wolf bemerkte, der sich dicht an Telpfaires Seite hielt. Ein Silberwolf, hier? Was hatte ein Wolf der Elben hier in dieser Gegend zu suchen und wie war er an seinen Enkel geraten? Das Wissen, diese Dinge zu erfahren, bereitet dem Alten Vergnügen und Sorge zugleich, da er ahnte das ihm einiges nicht gefallen würde, was ihm dieser junge Mann zu erzählen hatte. Das trotzige und verletzte Kind seiner Tochter, das mit so außergewöhnlichen Kräften ausgestattet war. Die Segen und Fluch zu gleich für die Zunft der Zauberer waren. Boten diese Kräfte doch trotz ihres großen Nutzens auch eine nicht zu unterschätzende Gefahr. Wurde doch ein Zauberer wie er schon seit Hundert Jahren nicht mehr geboren. Ein Kriegszauberer!
Auf seinen Stab gestützt, verfolgte Nathan jede Bewegung der Neuankömmlinge.
Melco zügelte den Hengst und ließ Xenja zu Boden gleiten, bevor er sich selbst aus dem Sattel schwang. Ithildae dicht an seiner Seite ging er auf seinen Großvater zu. Dabei schob er Xenja leicht vorwärts. Seine linke Hand immer schützend auf ihren Schultern ruhend.
„Aiya, Nathan! Wie ich sehe hast du Gäste!“ Den Schritt verhaltend, hüllte er Xenja unbewusst in seinen Umhang, als sich das Mädchen, schutzsuchend an ihn schmiegte. Nathaniel bemerkte diese ungewohnte Geste mit Wohlwollen und einer Portion Verwunderung. War doch dieser unnahbare Zauberer sonst zu kaum einer zärtlichen Geste fähig gewesen. Dem Kind ein Lächelnd schenkend, wandte sich der alte Zauberer seinem Enkel zu, deutlich die Schutzmauer spürend, die dieser wieder einmal um sein Innerstes gezogen hatte.
„Dinen!“ Mit diesem elbischen Wort, befahl er seinem Enkel zu schweigen. „Was glaubst du, eigentlich wer du bist? Man?“
Melco zuckte innerlich vor der Frage zurück. Ja, wer war er eigentlich? Hatte er überhaupt eine andere Bestimmung, außer der Rache? In seinem aufkeimenden Zorn verfiel er ins elbische. „Man im hen?“ Seine Augen blitzten und seine Aura färbte sich nachtblau.
Nathaniel bemerkte dies und wirkte sofort einen Zauber, der Melcos Veränderung blockierte. Deutlich spürte der Alte, wie sich sein Enkel gegen die magischen Fesseln auflehnte, als sich plötzlich ein sanftes Leuchten um Melcos Aura legte.
Als Nathaniel bemerkte von wem das Leuchten ausging, musste er all seine Selbstbeherrschung auf bieten um nicht zurück zu zucken. War es den überhaupt möglich, dass ein Viandanisches Kind über eine so starke Magie verfügte, oder war es vielleicht ihre Liebe zu Melco, die sie zu dieser Leistung gebracht hatte?
Er würde dies genauer untersuchen.
Etwas sanfter waren daraufhin seine Worte. „ Ja, wer du bist fragte ich. Nun, du kannst ja nicht behaupten, dass du dich wie ein zivilisierter Zauberer benommen hast, als du zu den Obersten Magiern gegangen bist. Dein Verhalten war unreif und eher das eines hemmungslosen Berserkers. Die Auswirkungen deiner unbeherrschten Wut, haben erhebliche Schäden im Gebäude und bei den magischen Gegenständen verursacht. Einer der Obersten ist von einem deiner schwarzen Blitze getroffen worden und wird in den nächsten Wochen nicht mehr sitzen, geschweige den auf dem Rücken liegen können.“ Wieder ruhten seine Augen auf dem Mädchen, das sich tief in den Falten des Umhangs vergaben hatte. Dort war es nur als Schemen zu erkennen, da die Magie des Mantels sie zu verbergen suchte.
Dabei entging ihm jedoch das amüsierte Funkeln in Melcos Augen nicht, als er den Obersten erwähnte.
„Zum anderen sind mir Gerüchte über einen Vorfall in Ivornasse, zu Ohren gekommen. Dort sollst du einen schrecklichen Fluch ausgesprochen haben. Mir wurde mitgeteilt, dass du, der Lumhadar, auf die Seite des Bösen gewechselt bist.“
Melco erwiderte den durchdringenden Blick seines Großvaters und hielt ihm stand. Wusste er doch aus Erfahrung, dass es nichts brachte sich dieser Musterung zu entziehen. Nathaniel war nicht umsonst Erzzauberer.
Deutlich war er sich jedoch auch der leisen Magie Xenjas bewusst, die mit sanften Fingern seine Aura schützend umschloss. Sofort legte er seine dunkle Seite in Ketten, um das Wüstenkind nicht zu gefährden.
Sanft war seine Stimme, als er sich an das Kind wandte. „Xenja, Titta! Bring bitte Telpfaire auf die Wiese und nimm ihm Sattel und Zaum ab. Aber beobachte, wie er sich mit unseren tierischen Gästen verträgt. Da du ja Mallanaras kennst, überlasse ich dir diese Aufgabe.“ Xenja sah an ihm vorbei zu der Wiese. Ihre Augen weiteten sich vor Erstaunen, bemerkte sie doch erst jetzt die beiden Tiere, die aus ihrer Heimat stammten. Freudig nickend, löste sie sich aus dem Umhang und führte den Hengst zum grasen.
Ithildae, hingegen war nicht bereit seinen Platz an Melcos Seite auf zu geben. Sich auf seine Hinterbeine setzend, beobachtete er den alten Zauberer aufmerksam. Etwas lag hier in der Luft. Eine besondere und ungewöhnliche Magie. Und er würde erst gehen, wenn er herausgefunden hatte von wem sie stammte.
Kaum war Xenja fort, setzte Melco das unterbrochene Gespräch fort. „Ye, ich habe in Ivornasse die Kontrolle verloren und du kannst mir glauben, das ich es zutiefst bereue, da ich dadurch Xenjas Leben gefährdet habe. Aber das in Gulmin bereue ich nicht eine Sekunde!“
„Ai? Also nur wegen dem Wüstenkind bereust du es? Nicht wegen der Katastrophe, die du beinahe ausgelöst hast?“ Die Stimme des Alten war fest und zeugte deutlich von seinem Missfallen an dieser Eröffnung. „Du hättest also das Leben all der Menschen zerstört, wenn das Mädchen nicht dort gewesen wäre?!“ Nickend, biss Melco die Zähne zusammen. Er fühlte sich auf einmal wieder wie der kleine Junge, der so unverhofft das Mündel des Erzzauberers geworden war und mit dieser Situation nicht zu recht kam. 
Die Verletzlichkeit seines Enkels spürend, die durch dessen Schutzschild drang, legte Nataniel ihm einen Arm um die Schultern. „Komm, bei einer guten Tasse Tee, erzählt es sich besser. Außerdem möchtest du doch bestimmt wissen, was aus meinen Gästen geworden ist, die du mir netterweise geschickt hast!“ Mit diesen Worten führte der Alte Zauberer den Jungen ins kühle Innere der Feste um sich seine Geschichte aus seiner Sicht anzuhören.
Ithildae folgte ihnen, wachsam und die Nase im Wind.
 
Tara verließ gerade Balthiers und ihre Kammer, als der Zauberer mit einem schwarzgekleideten jungen Mann durch das Portal, die Feste betrat. Sie erkannte in ihm sofort den Avathar. Ihr Blick hing gebannt an ihm, wobei sie sich wieder ins Zimmer zurück zog. Jetzt bei Tageslicht und unter dieser Friedlichen Atmosphäre, sah er viel harmloser aus als bei ihrer Ersten Begegnung.
Ganz in Schwarz gekleidet bildeten nur Stiefel und die Waffengurte einen leisen Kontrast. Waren sie doch aus dunkelbraunem Leder, mit Beschlägen aus goldenem Metall. Das Braune Haar fiel leicht gewellt bis zum Nacken und das bartlose Gesicht war schön und selbst die große Narbe, die sich durch die rechte Gesichtshälfte zog, störte das Bild nicht. Als er den Umhang zurück warf, entblößte er Arm- und Schulterschoner aus festem dunkelbraunem Leder, mit goldenen Beschlägen. Solche Arbeiten  hatte sie bisher noch nie gesehen. Selbst bei den Barbaren nicht. Waren die Beschläge etwa aus Gold?
Der Alte Zauberer und der Avathar verschwanden in dem Arbeitszimmer des Alten. Sie wollte sich bereits abwenden, als sie den Wolf bemerkte. Was für ein riesiges Tier! Das es so große Wölfe gab, hatte sie immer für Märchen gehalten.
Als das Tier in der Bewegung stockte und sie ansah, konnte sie sich nicht mehr rühren. Die blauen Augen hielten sie fest.
Ithildae sah zu der Kriegerin. Er bemerkte, ihre Unsicherheit und roch den Duft nach Sand und Wüste, der ihr noch immer anhaftete. Er ähnelte dem der kleinen Xenja, was ihn neugierig werden ließ. Die Ohren gespitzt und die Nase erhoben, versuchte er mehr zu erfahren. Nach einer Weile senkte er den Blick, sah kurz zur, inzwischen geschlossenen, Tür des Arbeitszimmers um dann wieder zu Xenja zurück zu gehen. Er war sich sicher, das Melco in Sicherheit war und wollte Xenja nicht allein lassen, wenn diese Kriegerin sie fand.
Taras Augen folgten noch immer dem Wolf, als sie Balthiers Nähe spürte. Sich an seine breite Brust lehnend, faste sie nach seinen Händen. „So einen Wolf habe ich noch nie gesehen. Er ist ja sogar größer als die Litseno!“ Balthier zog sie fester in seine Arme, bevor er antwortete. „In alten Geschichten der Surhena wird von einem Wolf erzählt, der so silbern wie das Mondlicht war. Er soll damals zusammen mit einem Elb in die Wüste gekommen sein, um zum blauen Herz, Ind Luin, zu gelangen. Die Surhena verweigerten ihm das Wissen und der Elb soll sich nur mit seinem Wolf und einem kleinen Wasserschlauch auf den Weg gemacht haben. Die Surhena, glaubten nicht daran, dass er je Ind Luin erreicht hat, ohne genaue Wegangaben, ist es nicht zu finden.
Doch noch Heute kann man den Wolf heulen hören und dann erzählen wir unseren Kindern von dem silbernen Wächter des Ind Luin, der nachts um seinen toten Gefährten weint. Und wer ihm begegnet, wird in die Wüste getragen um als ewiger Geist mit dem Wolf zu trauern!“
Tara schüttelte sich und zog Balthiers Arme fester um sich. „Das ist eine traurige Geschichte. Der Wolf tut mir leid. Ob der Elb so ausgesehen hat, wie diese Serina?“
Tara spürte wie Balthier den Kopf schüttelte, als er sein Kinn auf ihren Kopf legte. „Ich glaube nicht. Der Elb, damals, soll ein Krieger gewesen sein und bei Serina ist mir, als sei sie weder Elb noch Mensch. Doch kann ich es nicht erfassen. Es scheint fast so, als würde etwas verhindern, das ich erkenne wer sie ist.“
Tara drehte sich in seinen Armen um und sah ihm in die Augen. „Möglich, aber kann es nicht auch sein, das du einfach noch zu geschwächt bist. Ich glaube, dass sie eine mächtige Zauberin ist. Das wäre zumindest eine logische Erklärung für alles, was sie bisher getan hat. Auch für ihr überirdisches Aussehen. Es heißt doch, das Zauberer mit Hilfe von Magie ihr Alter verändern können, warum nicht auch ihre Erscheinung?“ Balthiers Blick wanderte in die Ferne. Seine Worte trieben mit dem Wind und glitten über Tara hinweg, als seien sie nicht an sie gerichtet gewesen. „Vielleicht hast du Recht. Aber trotzdem - .“
Ithildae war inzwischen auf der Wiese angekommen. Er sah Xenja neben dem großen Mallanara stehen. Dieses schien ihre Liebkosungen sichtlich zu genießen und verharrte still. Telpfaire war dicht an ihrer Seite und beobachtete alles aufmerksam. Als der fremde Hengst sie vorsichtig beschnuppern wollte, schnaubte der graue Hengst warnend auf, was den Goldenen zurück zucken ließ. Sofort war Xenjas ermahnende Stimme zu hören, die Telpfaire zu Recht wies und um Freundlichkeit gegenüber den Fremden, anhielt. Amüsiert über dieses starke Kind trat Ithildae dicht an sie heran. Gelassen ließ er sich auf die Hinterläufe nieder. „Sei nicht so streng mit Telpfaire. Er hat es nicht leicht gehabt. Bevor er Melco kennenlernte, galt er sogar als unberechenbar und gefährlich. Kein Elb wollte ihn haben. Was etwas heißen will, da er von den Dunkelelben stammt.“ Erstaunt sah Xenja erst ihn und dann Telpfaire an, wobei dieser unwillig den Kopf hoch warf. „Ithildae, woher weist du das? Hat dir das Melco erzählt?“ Die Finger des Mädchens krallten sich in das weiche, lange Fell am Hals des Mallanara. Der Gedanke, das Melco ihr etwas verschwieg, es aber dann mit anderen teilte, gefiel ihr nicht. Auch wenn es sich bei diesem um Ithildae handelte.
Der Wolf spürte ihren Unwillen. Seine Augen funkelten, als er ihr antworte. „Nein, das habe ich von Telpfaire erfahren, als ich ihn nach Melco fragte. Sicher, ich wusste bereits, bei unserer ersten Begegnung, das er mein Gefährte ist, aber wollte ich doch etwas mehr erfahren. Ich spürte dass ich diese Informationen nicht von Melco erhalten würde. Das ist alles!“
Beeindruckt sank Xenja neben dem Wolf ins Gras. Ihre Finger glitten durch sein Fell. „Also kannst du nicht nur die Sprache der Menschen, sondern auch die aller anderen Tiere!?“ Die Lefzen zu einem Grinsen verzogen, streckte sich Ithildae neben Xenja aus. Den Kopf auf ihren Schoß legend, schloss er unter ihrer sanften Berührung die Augen. „Alle Tiere, kommunizieren untereinander. Meist nur über den Austausch von Empfindungen und doch verstehen sie sich alle.
Magische Lebewesen können diese Kommunikation noch vertiefen, verstehen sie sich doch untereinander und sprechen die gleiche Sprache. Nur die Menschen und ihre Verwandten sind nicht dazu in der Lage und wenn, dann nur unzureichend.“
Irritiert, hielt Xenja im Streicheln inne. „Wie meinst du das, die gleiche Sprache? Kann ich also nicht lernen die Tiere zu verstehen?“
Ithildae hob leicht seinen Kopf um ihr in die Augen zu sehen. „Es handelt sich um die Sprache des Herzens, der Seele. Jeder, der bereit ist sich auf sein Herz zu verlassen und seiner inneren Stimme zuhört, kann lernen die Herzen der anderen Geschöpfe zu verstehen.“
Xenjas Augen begannen zu leuchten. Ihre Ohren richteten sich auf und zuckten leicht. „Heißt das, dass ich es lernen kann? Würdest du mir dabei helfen? Bitte!“
Den Kopf wieder auf ihren Schoß sinken lassend, lächelte der Wolf. Xenja spürte dieses Lächeln seines Herzens in ihrem und erschauerte. Seine Worte waren nur noch eine Bestätigung dessen, was sie eben gespürt hatte. „Natürlich werde ich dir helfen, Sternenkind.“
Unterdessen hatte Nathaniel seinen Enkel entlassen. Was er von ihm erfahren hatte machte ihn zornig. Und er konnte die Reaktionen dieses jungen Zauberers nun besser verstehen. Kannte er doch nun den Grund. Wie konnten sich die Zauberer aus Gulmin, erdreisten mit einem Kind der Viandaner so rücksichtslos um zu gehen. Zauberer sollten alles Leben wertschätzen und es schützen. Als ob das noch nicht schlimm genug wäre, hatten sie auch noch das Sternenkind aus den Prophezeiungen behandelt, als sei es ein niemand. Was dieses Verhalten auslösen konnte, musste ihnen doch bewusst sein. Das Schicksal so zu verärgern konnte nicht gut gehen. Wenn dies ein nicht magisches Wesen getan hätte, gut. Aber Zauberer? Hoffentlich war es zu keinen schlimmen Verwerfungen gekommen. Unter Umständen hatten sogar die Überfälle der Geschöpfe Dor Gwanns etwas damit zu tun.
Er würde dem auf den Grund gehen. Doch zuerst würde er sich um diese Zauberer kümmern.
Vor seinen großen Spiegel tretend, zog er das Tuch aus nachtblauer Feenseide herunter. Sein Gesicht verzog sich zu einem bitteren Lächeln. Er würde diesen Zauberern auch auftragen, sich um die Verhältnisse in Ivornasse zu kümmern. Diese Stadt durfte nicht länger nur dem Koboldfluch überlassen bleiben.
Die Öffnungsformel murmelnd, begann sich der Nebel im Inneren des Spiegels zu drehen.
Melco war gerade aus dem großen Portal getreten, als er sie sah. Ihre Schönheit, bannte ihn auf seinen Platz. Er spürte, wie sich sein Herz erst schmerzhaft zusammen zog um gleich darauf in doppelter Geschwindigkeit zu schlagen. Die plötzliche Schwäche seines Körpers abfangend, lehne er sich an den Stamm der alten Steineiche, die schon seit hunderten von Jahren neben dem Portal verharrte.
Seine Atmung beschleunigte sich, als seine Augen jeder ihrer Bewegungen folgten. Seine Schutzmauer stürzte in sich zusammen.
Serina wandelte durch die wilden Rosengärten. Um sie herum flatterten die Vögel und Schmetterlinge tanzten im Wind. Ihre Bewegungen waren so fließend und geschmeidig, dass es den Eindruck erweckte, sie würde schweben. Das Kleid aus himmel- und nachtblauer Feenseide brachte ihre strahlende Schönheit mit einer Macht zur Geltung, die Melco, fast die Füße weg zog. Als ihr Gesang die Luft um sie herum zum Klingen brachte, fuhr ein Strahl aus hellem Licht in die Seele des jungen Zauberers und trieb seine dunklen Schatten fort.
Ihre Stimme so hell und rein, schien mit jedem Wort den Tag noch heller werden zu lassen.
 
„Den Himmel spüren, Freiheit atmen.
Fliegen wie ein Vogel im Wind.
Hoffnung schöpfen, Liebe geben.
Dem Licht des Lebens so nah, wie ein Kind.
 
Leben mit Herz und Vertrauen.
Vertrauen mit Verstand und Gefühl.
Hoffen auf die Liebe und das Licht.
Das lässt mich den Himmel spüren.“
 
Die Schmetterlinge tanzten um sie herum, von Blume zu Blume. Die Vögel stimmten in ihren Gesang mit ein. Ein kleines Rotkehlchen setzte sich auf ihre ausgestreckte Hand. Sie hob das Tier hoch und es schien als würde sie mit ihm im Duett singen.
 
„Den Himmel spüren, Freiheit atmen.
Fliegen wie ein Vogel im Wind.
Hoffnung schöpfen, Liebe geben.
Dem Licht des Lebens so nah, wie ein Kind.
 
Hören auf die Stimme der Seele.
Reden durch sie mit Gefühl.
Still sein und dem Leben lauschen.
Das lässt mich das Licht spüren.
 
Den Himmel spüren, Freiheit atmen.
Fliegen wie ein Vogel im Wind.
   Hoffnung schöpfen, Liebe geben.
Dem Licht des Lebens so nah, wie ein Kind.“
 
Ihre Schritte brachten sie auf die Wiese, wo ihr die Hengste und das Mallanara mit spielenden Ohren entgegen sahen. Ithildae hatte sich erhoben und stand mit eingeklemmter Rute vor Xenja. Seine Ohren zuckten und er schien von der schönen Frau genauso gefesselt zu sein wie Melco. Xenjas Blick hing gebannt an Serina, blieb aber sitzen.
Serina trat an die Tiere heran. Ihre schlanken Finger glitten durch das weiche Fell.
Dabei sang sie weiter. Gebannt lauschten ihr alle Anwesenden. Ob nun Zauberer, Kind oder Tier.
 
„Das Leben an meiner Seite spüren.
Zusammen durch das Dunkel ins Licht.
Tragen, getragen werden.
Das lässt mich die Liebe spüren.
 
Den Himmel spüren, Freiheit atmen.
Fliegen wie ein Vogel im Wind.
Hoffnung schöpfen, Liebe geben.
Dem Licht des Lebens so nah, wie ein Kind.“
 
Neben Xenja ließ sie sich nieder. Ithildae, machte ihr bereitwillig Platz und legte sich an ihre Seite, als Serina das Mädchen in die Arme schloss. Selbst die Hengste und das Mallanara legten sich nieder. Die Vögel und Schmetterlinge verließen die Wiese in ihrem schönsten Tanz. Nur das Rotkehlchen blieb und sang, auf Ithildaes Kopf sitzend, weiter mit.
Es schien, Melco fast so, als würden sich zwei Sterne verbinden, als er sah, wie ein schwacher Schimmer erschien und sich um Kind und Frau legte. Wieso er diesen Gedanken hatte, konnte er sich selbst nicht erklären.
 
„Heilung aller Wunden.
Vergebung durch das Licht.
 Das Böse fallen lassen.
Das lässt mich die Unendlichkeit der Liebe spüren.
 
Den Himmel spüren, Freiheit atmen.
Fliegen wie ein Vogel im Wind.
Hoffnung schöpfen, Liebe geben.
Dem Licht des Lebens so nah, wie ein Kind.“
 
Als ihre Stimme verhallte, klang die Luft von ihrem Gesang wieder und Melco spürte das Klingen, fast schmerzlich im Wind. Irritiert, bemerkte er dass ihm Tränen über das Gesicht liefen. Benommen und leicht verärgert wischte er sie fort.
Was soeben geschehen war wusste er nicht. Und er wusste auch nicht, dass das Schicksal seinen Lebensfaden soeben mit dem von Serina verknüpfte.
Das einzige was er in seinem Herzen, seiner Seele spürte war, das er sein Herz verloren hatte und doch nicht reicher sein konnte. Die Liebe zu diesem schönen Geschöpf füllte sein Selbst bis in den letzten Winkel aus.

 

 

18.10.2009 15:49:56

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