Kapitel 4

 
Ihre Hufe hallten dumpf auf dem nassen Sand wieder. Wenn das Meer die Wellen dicht ans Ufer trieb, klatschten ihre Sprünge laut und übertönten ihren rasenden Herzschlag. Mit jedem Sprung zog sich ihre Lunge mehr zusammen, spürte sie mehr die Erschöpfung, die ihre Glieder zu lähmen begann. Die vielen Risse schmerzten und ihr Blut vermischte sich mit dem Schweiß, der unaufhaltsam an ihrem gemarterten Körper hinab lief.
Sie wusste nicht mehr, seit wann sie so rannte. Konnte sich nicht erinnern wie es war nicht müde und zu Tode erschöpft zu sein. Sie wusste nur eins. Wenn sie der Erschöpfung nach gab und anhielt, würde sie sterben. Diese Gewissheit schürte eine Angst, die ihr Blut noch schneller durch die Adern trieb. Eine Angst die sie zwang ihren Körper zu noch weiteren, schnelleren Sprüngen zu treiben. Diese Angst die zur Panik wurde, sobald sie wieder das Knattern von ledernen Flügeln hörte.
Panik, Todesangst.
So etwas hatte sie vorher nie gekannt. Diese Angst war ihrem Volk fremd. Sie, die unsterblichen, die ewigen Geschöpfe Jandaras, hatten nie Grund so eine Angst zu empfinden. Selbst im großen Krieg, als viele von ihnen starben, hatte sie nicht diese Angst. Damals hatten sie die Möglichkeit sich zurückzuziehen, zu verstecken. Damals waren sie nicht allein. Allein und gehetzt von den fliegenden Bestien Dor Gwann, den Todesbringern des schwarzen Zauberers. Wahrscheinlich war es das Wissen um den Zauberer, das sie in Panik versetzte. Nur er konnte der Reinheit und Anmut ihrer Seele gefährlich werden. Er durfte nie ihr Wissen erlangen, nie die Chance erhalten, es gegen ihr Volk, gegen Jandara einzusetzen.
Das weiße Fell klebte vor Blut und Dreck. Die Mähne schlug ihr schwer gegen den Hals. Die Nüstern weit gebläht, versuchte sie noch schneller zu laufen. Jeder Atemzug war wie ein glühendes Messer das sich in die empfindliche Haut der Nüstern und in ihre Lunge grub. Das Stakkato ihrer Hufe wurde zu einem einzigen schnellen Wirbel. Sie flog nur noch dahin und doch reichte es nicht.
Wieder erklang das wütende Kreischen der Gargoyels hinter ihr. Erneut hörte sie das unbarmherzige Geräusch der knatternden Flügel. Sie waren wieder da!
Da spürte sie wie sich die Luft veränderte. In ihre schmerzenden und blutenden Nüstern drang der Geruch nach frischem Laub und Harz. Der Wald der Farben, Eryn Coldrin. Er war nicht mehr weit.
Ihre letzten Kräfte mobilisierend, brach sie nach links aus und sprang mit verkrampften Sätzen eine Düne hinauf. Der tiefe Sand ließ sie bis zum Bauch einsinken und schien ihre Anstrengungen zu verhöhnen. Verzweifelt spannte sie alle Muskeln an und kämpfte sich, erschöpft schnaubend vorwärts. Ein letzter Zug, ein letzter Sprung und sie war frei. Mit einem weiten Satz flog sie die Düne hinab. Strauchelnd, kam sie auf dem harten Boden auf. Der Schlag gegen ihre Beine stauchte ihren Körper schmerzhaft zusammen und nur mit Mühe fand sie ihr Gleichgewicht zurück. Sie war so erschöpft, so entsetzlich müde.
Ihre Ohren zuckten. Der wilde, triumphierende Schrei aus zwanzig mordgierigen Kehlen trieb sie weiter. Hart schlugen ihre Hufe auf der Ebene auf. Das Dröhnen und Vibrieren der Knochen und Sehnen trieb Schmerzpfeile durch ihren Körper. Mit dem geflügelten Tod im Nacken und dem rettenden Wald vor sich, spornte sie sich noch mal zu Höchstleistungen an. Überschritt sie erneut ihre Grenzen. Ein Reißen ging durch ihren Leib. Die Sprünge, eben noch weit, verkürzten sich immer mehr. So stark ihr Wille zu leben auch war. Ihr Körper war am Ende.
Schnell holten die Gargoyels auf. Ihr Gestank nach Exkrementen und Schwefel, zogen ihr den Magen zusammen. Sie konnte nicht mehr laufen. Ihr blieb nur noch eins - kämpfen!
Ein wütendes Wiehern ausstoßend, warf sie sich auf der Hinterhand herum und bäumte sich auf. Wild schlugen ihre Hufe durch die Luft. Fuhren pfeifend an den verdutzten Bestien vorbei, um auf den Boden zu schlagen. Nur um gleich wieder in der Luft zu tanzen. Vom ersten Schreck erholt, griffen die Bestien an. So oft sie auch mit ihren Klauen das weiße Fell zerstörten, so oft fielen sie ihren Hufen und Zähnen zum Opfer. Sie schlug und trat um sich und schickte einige kreischend zu Boden. Doch war sie nun schon seit zwei Wochen auf der Flucht. Ohne Pause und ohne Schlaf. Ihr Körper hatte unter den vielen Wunden und dem Blutverlust zu leiden und trieb sie immer mehr in eine Lebensbedrohliche Situation.
Als sie zu glauben begann, es sei vorbei, erhellte ein greller Blitz die Nacht.
Geblendet und von dem plötzlichen Angriff überrascht, ließen die Bestien kurz von ihrem Opfer ab, um gleich von weiteren Blitzen getroffen zu werden. Einer nach dem anderen fiel kreischen und dampfend zu Boden, wo sie unter schrecklichem Krachen aufschlugen und leblos liegenblieben.
Zitternd wandte sie sich dem Schatten zu, der sich aus dem Dunkel des Waldes schälte. Zu allem bereit senkte sie ihr Horn, was es im Mondlicht aufleuchten ließ.
Ein erstaunter Ausruf und neben dem Schatten leuchtete eine kleine helle Kugel auf, die über seinem Kopf zu tanzen begann, als er sich ihr behutsam näherte. Sie erkannte einen alten Menschen, der mit einer langen Kutte aus blauem und goldenem Stoff bekleidet war. Sein Bart und sein Haupthaar waren lang und schlohweiß. Das faltige Gesicht verzog sich zu einem leichten Lächeln, während seine dunklen Augen sie besorgt musterten. „Aiya, meine Schöne! Da wollte ich nur ein paar lästige Parasiten von ihrem Beutezug abhalten und treffe auf euch.“ Vorsichtig trat der Alte, auf seinen langen und knorrigen Stab gestützt, näher. Seine erfahrenen Augen erfassten ihren Zustand und ließen ihn besorgt den Kopf schütteln.  „Sie haben euch aber ganz schön zugesetzt, meine Schöne. Es bedeutet nichts Gutes wenn Gargoyels, die auch noch nach schwarzer Magie stinken, ein Einhorn jagen. Gar nichts Gutes, nein!“
Neugierig legte sie ihren Kopf leicht schräg, als sie ihn ansprach. Ihre Stimme war, trotz ihrer Erschöpfung  süß wie Honig und so klar wie tausend Silberglöckchen. „Habt dank, alter Mann. Wie kann ich es euch entlohnen?“
„Ach!“ Unwirsch hob der Alte seine Hände und wischte die Frage beiseite. „Mir ist Lohn genug euch begegnet zu sein. Und so wie es aussieht, bedürft Ihr noch weitere Hilfe. Außerdem, wollen wir doch nicht, dass euch der Dunkle wieder aufspürt, nicht wahr?“ Mit diesen Worten wandte er sich wieder dem Wald zu und winkte ungeduldig mit seiner freien Hand. „Na nun kommt schon. Es sei den Ihr wollt euch mit weiteren Gargoyels oder sogar Orks auseinander setzen!“ Vorsichtig setzte sie einen Huf vor den anderen. „Nein, natürlich nicht, Zauberer!“
„Ah, vor euch kann man wohl gar nichts geheim halten was. Nun vielleicht liegt es ja auch an den Blitzen die ich ausgesandt habe!? Ja, durchaus denkbar!“ Ein wieherndes Lachen, klingend wie tausend Silberglöckchen, war sein Lohn.
Ein amüsiertes Grinsen spielte auf seinem Gesicht, als er sich ihr zuwandte. „Da Ihr wohl eine Weile mein Gast sein werdet, ist es für weitere Gespräche durch aus sinnvoll wenn wir wissen wie wir heißen, nicht wahr? Nun, ich heiße Nataniel Vandara! Erzzauberer von Beruf!“ Dabei verbeugte er sich tief. „Und mit wem habe ich die entzückende Ehre?“ 
Ihre Stimme war ein einziges Lächeln. „Serina. Ich heiße Serina!“
 
 
 
Die alten Mauern hießen Serina mit ihrer Wärme willkommen. Vorsichtig ließ sie sich auf das Lager aus Stroh und Fellen nieder. Erschöpft sank ihr Kopf auf das weiche Lager. Sie spürte die warmen und sanften Finger des Erzzauberers auf ihrem geschundenen Leib. Spürte wie seine Magie durch ihren Körper strömte und begann ihre Wunden zu heilen. Ein wohltuendes Kribbeln, wanderte durch jede Faser ihres Leibs und trug die heilende Wärme in jeden Winkel ihres Seins.
Nataniel lächelte, als er sah wie sich das Einhorn unter seinen Händen entspannte. Bemerkte zufrieden, wie es sanft in den Schlaf der Heilung hinüberglitt. Ja, sie würde leben. Glücklich und mit sich selbst zufrieden erhob er sich und breitete eine wollene Decke über den, nun hell leuchtenden Leib, des schlafenden Einhorns aus. Dämpfte so das verräterische Licht.
Leise verließ er die Kammer und eilte zu seinen Büchern. Es gab einiges vorzubereiten. Sie musste vor den Augen des Dunklen verborgen werden. Er durfte nicht erkennen wer sie war, auch wenn sie direkt vor ihm stehen sollte. Einer plötzlichen Eingebung folgend, eilte er eine steinerne Treppe hinunter, in die tiefen Kammern der alten Feste. Er liebte dieses Gebäude, war es doch so anders als der schillernde Bau der Neuen Feste. Gulmin, war erbaut worden, als die Zauberer ihrem Drang nach Anerkennung folgten und sich nicht nur ein neues, schöneres Heim schaffen wollten, sondern auch Menschen ums sich versammelten, die ihnen dienen konnten. Die die Aufgaben übernahmen, für die den Zauberern die Zeit und Lust fehlte. So konnten sie sich ganz auf ihre Studien konzentrieren und halfen den Menschen dafür bei all ihren Problemen und Nöten. Eine Symbiose, die beiden Seiten half, und doch zog es den alten Zauberer immer wieder hier her. Hier in die alten Mauern seines Heims, das er nie für alle Macht der Welt aufgeben würde. Nur er und sein Enkel lebten hier, wenn man mal von denn vielen Tieren absah, von denen es hier immer welche gab. Entweder erholten sie sich gerade von irgendwelchen Verletzungen oder sie waren geblieben, um in der Nähe des Zauberers zu leben. Er hatte es nie übers Herz gebracht sie fort zuschicken und so stolperte man fast ständig über irgendein Geschöpf Jandaras. Egal ob nun in der Küche, im Schlafzimmer oder in irgendeinem anderen Raum. So war es auch jetzt, als er den dunklen Gängen folgte um zu einer kleinen Kammer zu kommen in der er seine besonderen Schätze aufbewahrte. Einen Chinchilla beiseite scheuchend, fuhren seine knorrigen Finger über die unzähligen Regale und Borde. Ein triumphierendes Lächeln erhellte sein Gesicht, als er eine kleine und unscheinbare Schatulle, von einem der Bretter nahm.
Behutsam steckte er sie sich unter den freien Arm und eilte wieder die Gänge und Treppen entlang, zurück zu seinem besonderen Gast. Dabei schlug sein Stab klackend und klingend gegen den Fels und trieb Schlangen, Ratten und Kaninchen zur Seite. Ein alter Fuchs linste kurz unter seinem buschigen Schwanz hervor, bevor er sich wieder zusammen rollte, um weiter zu schlafen. Die störende Hektik des Alten, war er mittlerweile gewöhnt. Lebte er doch schon sein ganzes Leben lang in diesen Mauern.
Kaum hatte der Zauberer wieder die Kammer des Einhorns erreicht, setzte er sich leise auf einen Stuhl und stellte die Schatulle auf seinen Schoß. Geduldig wartete er, bis dieses wunderbare Geschöpf die Augen aufschlug und langsam den Kopf hob.
„Ich hoffe Ihr habt gut geschlafen!“
Die großen dunklen Augen auf den Zauberer richtend, brach sich in ihnen das Licht der Fackeln. Ihr Strahlen und Funkeln, schien den Sternenhimmel in die Mauern der alten Feste zu tragen. Ihre Stimme klang erholt und war noch betörender und reiner als zuvor. „Danke, Nataniel. Ich habe schon lange nicht mehr so tief geschlafen.“
„Ja, das glaube ich. Ich muss sagen, dass ich mir schon etwas Sorgen machte. Gut, nicht nach den ersten zwei Tagen, aber nach einer Woche war es dann doch etwas ungewöhnlich.“ Erstaunt schüttelte sie ihre seidige Mähne. Silberne Blitze funkelten, als sich das Licht in ihr verfing. „Ich habe noch nie so lange geschlafen. Aber ich gebe zu, das ich mich gut fühle.“ Lächelnd, strich sich Nataniel über seinen Bart. „Das freut mich zu hören. Denn es gibt da etwas, um das ich Euch bitten muss. Etwas, das ich niemals sagen würde, wenn die Situation nicht so ernst wäre. Das müsst Ihr mir glauben!“
„Was ist los Zauberer? Wieso zögert Ihr?“ Das Stroh raschelte etwas, als sie ihre Beine etwas mehr an den Körper zog. Ein unheilvolles Kribbeln machte sich in ihr breit und als sie seine Worte hörte, riss sie ungläubig die Augen auf.
„Ihr müsst euch in einen Menschen verwandeln!“
Ihr Lachen klang ungläubig und etwas zu laut, als sie überrascht den Kopf schüttelte.
Das Strahlen und Funkeln ihres Horns ließ ihn schlucken. Wie konnte er von diesem Geschöpf nur verlangen ihre Unsterblichkeit auf zugeben?
Genau diese Frage stellte sie ihm. Dabei war ihre Stimme schneidender und kälter geworden, als er es je erwartet hätte.
„Ihr verlangt, dass ich meine Unsterblichkeit aufgebe? Wisst Ihr was Ihr da fordert, alter Mann?“
Traurig senkte Nataniel den Kopf. „Ja, das weiß ich.“ Aufsehend, begegnete er ihren unergründlichen Augensternen und hielt ihrem Blick stand. „Aber wenn Ihr überleben und nicht zu einer Marionette des Dunklen werden wollt, dann ist dies Eure einzige Möglichkeit. Eure einzige Rettung ist es sich vor seinem Blick zu verbergen und das könnt Ihr leider nicht in dieser Gestalt!“
Besorgt verfolgte der Zauberer den inneren Kampf, den Serina mit sich ausfocht. Es tat ihm in der Seele weh, ein Einhorn vor diese Wahl zu stellen und doch sah er keine andere Möglichkeit sie zu schützen.
Traurig halte ihre Stimme von den Granitwänden wieder, als sich ihre Augen auf den Zauberer hefteten. „Auch wenn ich die menschliche Gestalt annehme, wird mein wahres Ich nicht den magischen Wesen verborgen bleiben. Sie werden mich trotzdem erkennen! Auch die Zauberer, egal ob weiß oder schwarz, werden erkennen wer ich bin.“
Das Kästchen öffnend, schüttelte Nataniel den Kopf. „Baw, meine Schöne! Niemand wird dich erkennen. Selbst andere deiner Art werden an dir vorbeigehen ohne zu merken wer du bist.“ Dabei zog er ein Diadem aus Mondsilber heraus. In seiner Mitte funkelte ein Mondstein, der silberweiß das Licht brach und zu dem Einhorn sandte, das ihn wie hypnotisiert anstarrte. Deutlich war der silberblaue Nebel zu erkennen, der in seinem Inneren kreiste.
Ehrfürchtig klang ihre Stimme. „Ein Stein der Serin. Der Göttin des Lichts. Woher habt Ihr ihn?“
„Ich habe ihn schon seit langem. Damals habe ich ihn für eine junge Frau besorgt, um sie vor den schwarzen Kräften des Dunklen zu schützen. Leider kam ich zu spät. Seitdem bewahre ich ihn auf. In der Hoffnung, das er einmal einem anderen Schutz bieten wird. Nun gehört er Euch. Wenn Ihr bereit seit, Euch von mir führen zu lassen.“
Nickend, schloss sie die Augen. Gleisendes Licht brach aus ihrem Körper hervor und füllte den gesamten Raum. Geblendet schloss Nataniel die Augen. Das Klingen von tausend Silberglöckchen machte ihn fast taub. Der Duft von Mondblumen betäubte all seine Sinne.
Als er seine Augen wieder öffnete, stand vor ihm die schönste Frau die er je gesehen hatte.
Ihre alabasterfarbende Haut schien von innen heraus zu strahlen. Der schlanke, fast zerbrechlich wirkende Leib wankte leicht, als sie versuchte auf ihren langen Beinen das Gleichgewicht zu finden. Das feine Gesicht, wurde von zwei großen dunklen Augen beherrscht, in denen die Sterne zu funkeln schienen. Ihr sinnlicher Mund unter der feinen Nase, verzog sich zu einem schmerzerfüllten Lächeln, als sie sich durch ihr silberweißes Haar strich, das ihr bis zu den Kniekehlen reichte.
Auf ihrer Stirn leuchtete ein Sternenförmiges Mal. Genau an der Stelle wo kurz zuvor noch ihr Horn gewesen war.
Ihre Stimme hatte nichts von ihrer Schönheit verloren, als sie sprach. Ihr Gesicht verzog sich dabei gequält. „Ich spüre, wie dieser menschliche Körper um mich herum zerfällt und stirbt! Hilf mir, Zauberer!“
Ihr Flehen und ihr so deutlich sichtbare Schmerz, zerriss ihm förmlich das Herz.
Behutsam hüllte er sie in einen nachtblauen Umhang. Der warme Samt fühlte sich seltsam auf ihrer Haut an. Ungewohnt fast schmerzhaft und doch so angenehm warm.
Ihn fester um sich ziehend, sah sie den alten Zauberer an. Er kam ihr nun älter vor. Deutlich sah sie die Trauer die sich in seine Züge gegraben hatte.
Mit sanften Fingern legte er ihr das Diadem so über den Kopf, das der Stein der Serin auf ihrem Sternenmal zu liegen kam. Kaum berührte der Stein das Mal, geriet der Nebel in seinem Inneren in Aufregung. Als er wieder zur Ruhe kam, verschwand etwas von Serinas überirdischen Leuchten. Band der Stein ihr wahres Ich in ihrem Inneren und hielt es zurück. Der unsagbare Schmerz des Sterbens verebbte und was blieb, war nur eine leichte Erinnerung daran.
Vorsichtig und mit zitternden Fingern berührte sie den Stein. Seine wohltuende Wärme, unüblich für gewöhnliche Kristalle, gab ihr ein geborgenes, beruhigendes Gefühl. Als sie die Hand sinken ließ, bemerkte sie in den gütigen Augen des Zauberers Tränen. „Zauberer?“ Ihren Kopf leicht zur Seite neigend, leuchtet ihr Hals auf. Leuchtete er mit jedem ihrer Atemzüge im Wettstreit mit dem Funkeln des Diadems.
„Für wenn hattet ihr dieses Diadem angefertigt? In ihm liegt ein mächtiger Zauber, der nicht nur vom Stein ausgeht! Wer war die Frau, die euch so viel Lebenskraft wert gewesen ist?“
Die Tränen nicht mehr zurück haltend, klang seine Stimme rau und um Jahre gealtert.  „Ihr Name war Aura. Sie war meine Tochter. Sie starb vor vierzehn Jahren!“

 

 

Am Rand des Eryn Coldrin, nicht weit von der alten Feste entfernt, tanzte ein kleines Feuer. Zwei Reisende saßen an ihm und nahmen ihr karges Nachtmahl ein. Der eine von ihnen war groß gewachsen und muskulös. Seine in Brauntönen gehaltende Kleidung schien fast mit dem Unterholz zu verschmelzen. Seine grünen Augen behielten die Umgebung im Blick, während der Rest seines Gesichtes unter einem ledernen Tuch verborgen blieb. An seiner Seite saß eine Viandanische Kriegerin im blauen Leder der Litseno und mit goldblonden Haaren und Ohren.
Ihre Stimme war klar und weich, als sie ihren Bogen heran zog um ihn zu putzen. „Wir sind nur noch etwa zwei Tagesreisen von Telpminasse entfernt, wenn wir weiter so schnell sind, wie bisher. Und den Spuren nach zu urteilen sind sie uns nur etwa vier Tage voraus.“ Ihr Begleiter reichte ihr den kleinen Topf mit Palmöl, bevor er ihr mit dunkler Stimme antwortete. „Ja, das heißt, dass wir sie in der Stadt suchen müssen.“ Seine Hand hielt die ihre fest, als sie nach dem Topf griff. Sein Blick hielt ihren gefangen. „Tara, bist du dir auch wirklich sicher, was das Kind betrifft?“ Liebevoll strichen ihre langen Finger über seine Hand. „Ich bin mir sicher, Balthier! Es gibt nur ein Kind mit dem silberweißen Haaren des Mondes. Und dieses Kind ist die Tochter von Xenso, vom Stamm der Lorin. Sie ist das einzige Kind, auf das die Beschreibung passt.“
Balthier ließ den Topf los und lehnte sich zurück. Den Rücken an einem Felsen, verschränkte er seine Arme vor der Brust. „Nun, dann werden wir uns wohl überlegen müssen wie wir sie in dieser riesigen Stadt finden wollen. Der Schattenkrieger, wird nicht so dumm sein, sie einfach so in der Stadt herumlaufen zu lassen.“ 
Tara tauchte ihr Tuch in den Topf und rieb solange über den Bogen, bis er schwarz im Licht der Flammen funkelte. „Dieser Schattenkrieger, wer ist das? Kennst du ihn?“
„Nein, aber bei den Surhena gibt es viele Geschichten über ihn. Er ist ein Zauberer, der zwar noch recht jung ist, aber über gewaltige Kräfte verfügt. Er soll im Wind lesen können wie die Surhena und findet jedes Geschöpf, das dem Bösen dient.
Wie er dies jedoch macht, wissen wir nicht. Doch kenne ich auch den Namen, der alle Geschöpfe der Finsternis erzittern lassen soll. Avathar, soll er hier auch genannt werden. Wie sein Geburtsname ist, weiß ich jedoch nicht.“
Tara legte ihren Bogen zur Seite und verstaute sorgfältig Topf und Tuch in ihrem Gepäck. „Nun, den brauchen wir auch nicht. Wenn er ein Zauberer ist, wird er bestimmt dort sein, wo andere seines Standes sind. Und wo, lässt sich ein Viandanerkind mit weißen Haaren am besten verbergen, als im Heim eines Zauberers?“
„Wenn die Informationen richtig sind, gibt es in Telpminasse eine Zaubererfeste, namens Gulmin. Dann sollten wir dort anfangen zu suchen!“ Balthier wollte sich gerade hinlegen, als ihn ein Geräusch auffahren ließ. Gebannt starrte er in die Dunkelheit und spürte im Wind nach Informationen, die ihm seine Ohren nicht geben konnten. Da fuhr ein stechender Schmerz durch seinen rechten Arm und nagelte ihn am Boden fest.  Das schwarze Heft des Pfeiles vibrierte noch, als schon ein zweiter sirrend durch die Luft fuhr, um auch Balthiers rechtes Bein zu durchbohren.
Sofort war Tara auf den Beinen. Schützend vor ihren verletzten Gefährten tretend, spannte sie ihren Bogen. Die Ohren gespitzt, lauschte sie in die Dunkelheit. Suchten ihre Sinne nach dem unsichtbaren Feind.
Tosend, brachen sie durchs Dickicht. Die dunklen Leiber zum Angriff vorgestreckt und die Speere und Bögen erhoben. Orks!
Tara ließ ihre Sehne singen und Federte einen Ork nach dem anderen, doch je näher sie kamen, desto mehr behinderte sie ihre Waffe. Ein Langbogen war nicht für einen Kampf auf so geringer Distanz gedacht.
Den Bogen zur Seite werfend griff sie an ihr rechtes Bein. Sie kam jedoch nicht mehr dazu den Langdolch zu ziehen. Der erste Ork war heran und sprang auf sie zu, als er von einem knurrenden und geifernden Schatten zur Seite geworfen wurde.
Der quiekende Todesschrei ging im Krachen von Knochen unter. Tara erkannte noch dass der Schatten ein riesiger Wolf war, als er sich schon auf den nächsten Ork stürzte. Der Fang glänzend vom schwarzen Orkblut, fiel der Wolf über die überraschten Orks her. Ein weiterer Schatten, größer als der des Wolfes, löste sich plötzlich krachend, aus dem Dunkel des Waldes. Harte Hufe prasselten auf Orkschädel, als eine Klinge aus Elbenstahl durch die Reihen der Orks mähte, wie ein Bauer durchs Getreidefeld.
Der mächtige graue Hengst und sein schwarzgekleideter Reiter wirkten wie Geschöpfe aus einer anderen Welt. Wie Geister, die aus dem Totenreich zurück gekehrt waren, um an den Lebenden Rache zu nehmen.
Mit einer fließenden Bewegung sprang der Mann vom Rücken des Hengstes und wirbelte in einem Tanz des Todes um die Orks. Sein Kuss aus blitzendem Stahl streckte sie nieder. Zähne, Hufe und Stahl erledigten binnen weniger Augenblicke eine Horde von dreißig Orks, ohne das Tara auch nur einmal dazu gekommen wäre, ihrerseits in den Kampf ein zu greifen. Die plötzliche Stille nach dem Gemetzel war unheimlich. Genauso wie die Veränderung die mit dem Mann in schwarz vor sich ging. Als er seine Kapuze aus dem Gesicht strich und den Umhang etwas löste, wurde das harte und verzerrte Gesicht, zu dem Gesicht eines jungen Mannes.  Nur eine lange Narbe, die sich durch die rechte Gesichtshälfte zog, entstellte das schöne Gesicht.
Tara zur Seite schiebend, kniete er neben Balthier nieder. Fachkundig untersuchte er die Verletzungen, um dann mit schnellen und präzisen Bewegungen die Pfeile zu entfernen. Dabei brach er den Pfeil kurz vor dem Körper ab um ihn dann mit Schwung durchzustoßen. Balthier schrie auf, krallte die Finger in die Erde, blieb aber ansonsten still liegen.
Ohne ein Wort erhob sich der Mann, um zu seinem geduldig wartenden Hengst zu gehen. Aus einer Satteltasche zog er einen Beutel aus schwarzem Leder hervor. Er warf ihn Tara zu, die ihn reflexartig auffing. „Hier, bereite ihm daraus einen Sud und eine Paste für die Wunden zu. Zwei Stunden von hier ist eine alte Feste. Dort lebt ein alter Zauberer. Er kann deinem Freund helfen, doch bis ihr da seid muss er den Sud alle paar Minuten trinken, sonst bringt ihn das Orkgift um.“
Behände schwang er sich in den Sattel und wendete das Pferd. Der riesige, silbergraue Wolf, mit den unheimlich blauen Augen, trat kurz an Tara heran. Schnüffelte an ihrer Hand, ehe er mit großen Sätzen im Wald verschwand.
Bevor es ihm ihr Retter  gleich tun konnte, hielt sie ihn auf. „Danke! Wer seit ihr?“
Die Kapuze wieder fest über das Gesicht gezogen, fixierten sie die braunen Augen. Seine Stimme klang dunkler und rauchiger als zuvor. „Man nennt mich, Avathar!“
Noch bevor sich Tara von ihrer Überraschung erholen konnte, war er auch schon im dunkle der Nacht verschwunden. Lautlos wie ein Schatten.

 

 

18.10.2009 15:46:30

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