Kapitel 3

 

 

Regenschleier färbten das Land grau. Tiefe Pfützen hatten die Straße zu einem Bach werden lassen. Klatschend halten die Tritte der Pferde in der Nacht wieder. Tief vermummt trieben ihre Reiter sie auf das Tor zu. Das nasse Leder knarrte als sich der größere der Beiden vorbeugte und mit dem Heft seines Schwertes gegen das Holz schlug. Dumpf hallten die Schläge von der Palisade wieder.
Nach kurzer Zeit öffnete sich knarrend ein Sichtloch und eine raue Stimme war zu hören. „Wer begeht hier Einlass, zu so später Stunde?“
Die kleinere Gestalt zog ihre Kapuze etwas aus dem Gesicht, als sie mit unverhofft klarer und heller Stimme antwortete. „Wir sind Reisende aus der Rusterume und wurden vom Wetter überrascht. Wir bitten um einen Platz für die Nacht für uns und unsere Tiere.“
„Pah, der Kupferwüste also. Wer sagt mir da nicht, dass ihr Spione des Dunklen seid. Man hört hier so einiges aus der Wüste.“
Erstaunt sahen sich die Fremden an. Da trieb die kleinere, offensichtlich weibliche Gestalt ihr Tier nach vorn. Als es in den Lichtkegel trat, zog der Wachmann, ehrfürchtig die Luft durch die Zähne. Vor ihm stand ein mächtiges Mallanara. Das Fell vom Regen dunkel, funkelten seine nassen Hörner im Licht der Fackeln.
Ungeduldig beugte sich seine Reiterin nach vorn. Deutlich war der Langbogen zu sehen, den sie auf dem Rücken trug. „Seit wann behandeln die Barbaren, die Viandaner wie Feinde? Öffne das Tor, sofort!“
Hastig nickend, verschwand das Gesicht aus dem Fenster. „Sofort, natürlich, verzeiht!“ Dem Schlurfen und Schaben folgte das Knarren der Torflügel, als sie sich öffneten, um die nächtlichen Besucher ein zu lassen. Zielsicher lenkten die Beiden ihre Tiere zu einer Herberge. Ihre Tiere in den Stall führend, weckten sie einen völlig verdutzten Stallburschen. Diesem, genaue Instruktionen, bezüglich ihrer Tiere gebend, betraten sie die Herberge, zum tanzenden Kobold.
Die typische Hitze einer Gaststube, begleitet von dem Geruch nach Tabak, Fett, Bier und Schweiß, schlug ihnen entgegen, als sie sich einen Weg zu einem der Tische suchten. Sich in eine dunkle Ecke setzend, ignorierten sie, das alle Gespräche verstummt waren, sobald sie ihre durchweichten Umhänge ausgezogen hatten.
Die kleinere Gestalt war wirklich eine Frau, aber was für eine.
Ihr schlanker und muskulöser Körper steckte in einer Kobaltblauen Rüstung aus dem Leder der Litseno. Die Sandfarbenen Leggins betonten ihre langen Beine. Ihre Arme steckten, bis zu den Händen in blauen Leder Stulpen, mit festem Ellbogen Schutz.
Auf ihrem Kopf trug sie einen, ebenfalls blauen Helm, dessen Wangenschutz nur wenig von ihrem Gesicht frei ließ. Zwei goldblonde Ohren ragten aus Öffnungen des Helms heraus. Das Taillenlange Haar hatte die gleiche Färbung und wurde noch von dem blau der Rüstung betont.
Ihr Begleiter lies einige der Anwesenden erstaunt mit einander tuscheln. Sah man Viandanische Krieger, noch dazu einen Weiblichen schon äußerst selten, war der Anblick dieses Mannes etwas völlig ungewohntes.
Er war von hohem Wuchs und konnte fast als einer der ihren durchgehen und doch war sein Körper zu schlank dafür. Unter seinem braunen Lederharnisch trug er ein sandfarbenes Hemd. Die etwas dunkleren Kniebundhosen, ließen den Blick auf sandfarbene Beinlinge frei. Die Hände von Fingerlosen Handschuhen geschützt trug er Unterarmschoner und Schulterklappen mit Dornen, aus Mondstahl gefertigt. Doch das Eigentümlichste war wohl sein Gesicht, oder besser das was man von ihm sah. Er trug über Kopf, Mund und Nase einen Ledernen Gesichtsschutz, aus dem Leder der Wüstensprinter, Rumecoba, das so weich und dünn wie Stoff, doch hundertmal fester war.
Darüber trug er einen offenen Helm aus Mondstahl. Seine stechend grünen Augen wanderten stätig durch die Gaststube. Ihnen schien nichts zu entgehen.
Eine Viandanische Kriegerin und ein Surion vom Volk der Surhena. Hier in ihrem kleinen Dorf. Sofort waren sie das Gesprächsthema Nummer eins, auch wenn die Anwesenden darauf achteten, nicht allzu deutlich ihr Interesse zu zeigen.
Von der Aufregung um ihrer Person, völlig unbeeindruckt bestellten sie sich zwei Krüge Bier, eine Fleischpfanne und etwas Brot.
Während sie aßen und tranken, behielten sie immer die Anwesenden im Auge, wenn auch unbemerkt von diesen. Sie hatten sich gerade zwei weitere Krüge bestellt, als ein Tumult an der Tür ihre Aufmerksamkeit fesselte. 
Neunzehn Hünenhafte Krieger polterten herein und stürzten sich auf die noch verbliebenen, freien Plätze. Die Beiden in ihrer Ecke, bemerkten sie dabei nicht.
Einer der Männer ergriff das Wort. „Das ist das Schrecklichste, was ich bis her gesehen habe. Ein ganzer Stamm der Viandaner, ausgelöscht!“ Fragen und ungläubige Rufe halten durch den Raum.
Die beiden Fremden tauschten bestürzte Blicke. Ihre Aufmerksamkeit war nun voll auf die Barbarenkrieger gerichtet.
Der Wirt reichte dem Sprecher einen Krug Bier. „Wie soll ein ganzer Stamm der Viandaner ausgelöscht worden sein?“ Der Hüne nahm den Krug entgegen und spülte sich den Dreck aus der Kehle. „Sie wurden überfallen. Eine riesige Horde Orks und Goblins, ja es sollen sogar Gargoyels dabei gewesen sein. Den Spuren nach zu urteilen mindestens Hundert, wenn nicht sogar mehr. Sie haben alle abgeschlachtet, Männer, Frauen und Kinder.“ Das Allgemeine Raunen schwoll bei dieser Nachricht wieder an. Jeder von ihnen wusste, dass die Viandaner friedlich waren. Bei ihnen gab es nur wenige Stämme, die reine Krieger hervorbrachten. Diese Gräueltat musste gesühnt werden. Andere überlegten, ob sich die Horde nicht auch in ihre Richtung bewegen könnte, da ja bereits an der Grenze Überfälle stattgefunden hatten.
Die Hände hebend, bat der Krieger um Ruhe. „Wir waren auf dem Weg zur Grenze, um uns dort mit dem Stamm der Lorin zu treffen. Wir sollten dort Ware übernehmen.“ Er nahm einen tiefen Zug aus seinem Krug, um ihn dann auf die Theke zu knallen. „Doch als wir fast an der Grenze waren, kam uns der Schattenkrieger entgegen.“ Das Raunen schwoll an. Vereinzelt wurden Rufe laut. „Der Schattenkrieger? Hier bei uns!“ „ Wer kann das glauben!?“ „Sein Mut ist groß.“ „Hat er gegen die Horde gekämpft?“
All diese Rufe verstummten, sobald der Krieger wieder die Hände hob. „Er war nicht allein! Er hatte ein Kind der Viandaner bei sich. Ein Kind mit weißem Fell. Sie ist die letzte Überlebende der Lorin. Odion hat sich ihnen angeschlossen, um ihnen eine sichere Heimreise zu ermöglichen. Wir sind in die Wüste geritten und haben die Toten gesehen. Zumindest, die, die der Schattenkrieger nicht verbrannt hat.“
„Das ist unglaublich. Wohin sind sie unterwegs? Sie werden das Kind doch nicht etwa wieder im die Wüste bringen. Das wäre doch dumm.“ Der Wirt goss weiter nach, dabei zitterten jedoch seine Hände etwas, so dass er einen Großteil des Bieres verschüttete. Doch niemand störte sich daran.
Was niemand bemerkte, war das die Kriegerin bei der Erwähnung der Lorin und des weißen Kindes heftig zusammen zuckte. Ihr Griff um den Bogen wurde so fest, das ihr die Knöchel weiß hervortraten. Ihr Begleiter versteifte sich ebenfalls und ließ weder seine Gefährtin noch den Krieger aus den Augen.
Dieser hatte bereits wieder das Wort ergriffen. „Nein, sie gehen nicht in die Wüste. Der Zauberer will sie nach Dor Ind bringen. Nach Telpminasse.“
Keiner bemerkte wie sich die beiden Schatten aus der Ecke lösten, ihre Zeche in die halbgeleerte Fleischpanne warfen, um dann im Regen zu verschwinden.
Nur die Wache am Tor kratzte sich verwundert am Kopf, als er den beiden hinterher sah. Da hatte er sie gerade erst rein gelassen und nun ritten sie, als seien alle Bestien von Dor Gwann hinter ihnen her. 
 
 
 
Das saftige Gras unter seiner Hand fühlte sich noch feucht an. Die Sonne hatte den Tau noch nicht ganz zurück gefordert. Den linken Unterarm locker auf seinen Oberschenkel gestützt, kniete er auf dem Hügel und sah auf die Straße unter ihm. Das braune staubige Band zog sich durch weite Getreidefelder und verschwand hinter den Toren der Stadt. Die grauen Mauern, wirkten alt, aber stabil. Auf ihren Wehrgängen konnte er Soldaten erkennen, die auf ihrer Runde immer wieder auf das Treiben der Stadt hinunter blickten. Gerade fuhr ein Wagentreck durch das Tor aus Steineiche und verschwand im Inneren der Letzten Stadt, in die es ihn gezogen hätte. Zu viele negative Erinnerungen, hielt sie in ihrem Inneren verborgen und doch wollte er genau dort hin. Sein Blick haftete noch immer auf dem letzten Wagen, als ein Schatten die Sonne verdunkelte.
„Bist du sicher, dass du da rein willst? Der letzte Besuch war nicht unbedingt einer, an den ich mich gern erinnere.“ Odions Blick folgte ebenfalls den Wagen, doch suchte er auch nach den Stärken und Schwächen dieser Festung aus Granit. Warum dieses Monster Ivornasse, Kristallstadt, hieß konnte er nicht verstehen.
An ihrer, nicht vorhanden, Schönheit konnte es nicht liegen.
Melco sah nur kurz auf, bevor sein Blick wieder den Wagen suchte, doch verlor er sich bereits in den Gassen einer Stadt, die einst ein Juwel gewesen war. Die aber durch die Gier der Menschen, nach immer mehr Schätzen, von den Kobolden mit einem Fluch belegt worden war. Seitdem war der Dreck aus dieser Stadt nicht mehr wegzudenken. Und bei den Göttern, er wusste wie sie nach nur einem Tag in ihr aussehen würden. Doch gab es etwas das ihn dorthin zog. So unerbittlich, das es einen anderen vielleicht in Angst versetzt hätte. Doch nicht ihn. Er wusste wer ihn rief. Auch wenn derjenige nicht ihn persönlich damit meinen konnte, würde Melco diesen Ruf, nach Hilfe, nicht ignorieren. Nicht von diesem Geschöpf.
„Nun, ob es dir passt oder nicht, ich werde dort rein gehen. Du kannst ja zusammen mit Xenja hier bleiben. Das wäre wahrscheinlich so wie so sicherer.“
Noch bevor Odion auch nur Luft holen konnte, sprang ein wütendes Fellbündel hoch und baute sich vor Melco auf. Mit in den Hüften gestemmten Fäusten kam sie einem wütenden Fohlen gleich, das sich gegen das Halfter wehrte.
„Ich bleibe nicht hier! Das kommt nicht in Frage! Ihr könnt mich nicht immer behandeln, als sei ich zu klein um selber zu denken!“
Beschwichtigend, hob sie Odion auf seine mächtigen Arme. „Aber, aber, Tittahader. Keiner sagt, dass wir dich hier lassen. Doch musst du mir versprechen, dass du immer auf Voan sitzen bleibst. Er wird auf dich aufpassen wenn ich nicht in der Nähe bin. Und deinen Schal behältst du auf, damit niemand deine Ohren sieht.“ Dabei zog er ihr den Himmelblauen Stoff über der Stirn zu Recht. „Verstanden, Titta?“ Nickend, schmiegte sich das Mädchen in die Umarmung des Hünen. Sie liebte es, wenn er sie Tittahader nannte. Das hieß kleine Kriegerin, in der Elbensprache. Das hatte ihr Melco erklärt und sie fand die Elbensprache wunderschön und geheimnisvoll und freute sich wenn sie mehr darüber lernen konnte. Tittahader! Das hatte was.
Melco fühlte sich übergangen und verdrehte leicht die Augen. Seufzend erhob er sich, um auf Telpfaire zu steigen. Ein Lächeln huschte über sein Gesicht, als er sah, mit welcher Vorsicht Odion das kleine Mädchen, das in seinen Armen zu versinken schien, in den Sattel setzte. „Sie überredet dich jedesmal, dabei muss sie sich noch nicht einmal besonders anstrengen. Der große Odion, der Orkschlächter, gibt vor einem achtjährigen Mädchen klein bei. Interessant, wirklich!“ Dabei konnte sich Melco ein Lachen nicht verkneifen und bekam gleich einen leichten Schlag in die Seite. Odions Brummen war kaum zu verstehen. „Du grober Halbelb. Glaubst du etwa ich sei ein Barbar? Diese Kleine hat doch nur noch uns. Ihr wird schon nichts geschehen. Ich werde sie nicht aus den Augen lassen.“
Kopfschüttelnd, lenkte Melco seinen Hengst auf die Straße zu. „Natürlich, wie dumm von mir. Wie konnte ich dich für einen Barbaren halten!?“ Dabei warf er dem  Barbaren einen Blick zu, der diesen wieder dazu brachte, etwas von herzlosen Zauberern, in seinen Bart zu murmeln. Lachend, trieb Melco sein Pferd zu einem leichten Galopp und wartete nicht darauf, ob ihm der beleidigte Barbar folgen würde.
Was dieser natürlich tat.
Als sie durch das hohe Tor ritten, fühlte sich Melco sichtlich erdrückt. Seine Narbe begann wieder zu schmerzen und lies ihn unbewusst darüber streichen. Diese Narbe, die er einst vom dunklen Zauberer Garadoso erhalten hatte, war ein Fluch und ein Segen zugleich. Meldete sie ihm doch Gefahren durch schwarze Magie oder auch die bloße Anwesenheit eines Geschöpfs der Finsternis, doch tat sie das auch manchmal auf eine so schmerzhafte Art, dass es ihm fast das Bewusstsein raubte.
Dieses Mal blieb der gefürchtet Schmerz aus. Somit bestand keine all zu große Gefahr und er musste nur wachsam bleiben.
Xenja, sicher in den Armen des Hünen, schaute sich interessiert um. Es war die erste große Stadt die sie betrat und die Eindrücke überspülten sie und rissen ihren Blick immer wieder auf neue Dinge und Ereignisse. Der Gestank, der ihnen aus den Gossen entgegen waberte, ließ sie niesen. Angewidert zog sie ihre Nase kraus, als ihr von Odion ihr Schal über Mund und Nase gezogen wurde.
Trotz der Enge brauchten sie sich keinen Weg zu bahnen. Jeder der den Barbaren auf seinem riesigen Hengst sah, wich ihnen eilig aus, um nicht mit den Tellergroßen Hufen Bekanntschaft machen zu müssen. So gelangten sie, von den vielen Blicken einmal abgesehen, unbehelligt auf den Marktplatz. Dort herrschte ein reges Durcheinander. Alles versammelte sich um einen kleinen Kreis, der mit Tauen abgeteilt worden war. In diesem Kreis stand ein Käfig aus Eisengittern. Etwas über sechs Fuß hoch, hatte er eine Grundfläche von fünf mal fünf Fuß.
Und genau zu diesem Käfig zog Melco die Stimme, die lautlos um Hilfe, um Freiheit flehte. Rücksichtslos bahnte er sich einen Weg durch die Menge. Odion folgte ihm, behielt dabei aber alles im Blick und hatte eine Hand locker auf den Oberschenkel gelegt, um im Notfall schnell seine Axt ziehen zu können. Als die Menge sich vor ihnen teilte und den Blick auf den Platz frei gab, erschauerte er. Nun wusste er warum der Zauberer hier her wollte. Nein, warum er, der Halbelb, es musste.
In dem Käfig stand ein Geschöpf, von dem er glaubte, dass die Letzten von den Menschen bereits ausgelöscht worden waren.
Das silbergraue Fell gesträubt, stand er steif mit erhobener Rute da. Der größte und schönste Wolf den er je gesehen hatte. Einer der letzten seiner Art. Ein Silberwolf.
Ein Wolf der Elben!
Telpfaire zügelnd, stieg Melco ab und schritt, wie hypnotisiert auf den Käfig zu. Odion beobachte etwas besorgt das Verhalten des Mannes, denn er bis jetzt für hart und unnahbar gehalten hatte. Xenjas Berührung, lenkte ihn auf die mögliche Ursache dieser Veränderung. Das Wüstenkind hatte es geschafft den harten Panzer um Melcos Herz zu durchbrechen, doch ob dies in der jetzigen Situation gut war, bezweifelte er. Hoffend, das Melco wachsam blieb, drängte er Voan näher an den freien Platz heran. Dabei schob er die Umstehenden beiseite und zog Telpfaire mit.
Melco spürte den Zug. Er hörte die Gedanken des Wolfes. Nein, das war nicht ganz korrekt. Er spürte mehr seine Gefühle. Spürte die Wut über das Eingesperrt sein, den Hass auf die Menschen, die das getan hatten und - Trauer.
Dieses Gefühl schlug Melco so unvorbereitet entgegen, das es ihn kurz taumeln ließ. Sein Blick suchte die Umgebung ab und blieb an einem der Wagen hängen, die er erst vor kurzen in die Stadt hat fahren sehn. Dieser Wagen, der bis vor Kurzem den Käfig getragen hatte, stand etwas seitlich am Rand des freien Platzes. Über seinen Planken hingen Felle. Wolfsfelle! Silbergrau und weiß leuchteten sie wie Mahnungen in dieser düsteren und verfluchten Stadt.
Wut kochte in ihm hoch. Unbändiger Hass spülte all seine Selbstbeherrschung und klaren Gedanken fort. Sie hatten es gewagt, Silberwölfe zu fangen und zu töten.
 
 
 
Xenja beobachtete alles genau. Das Tier in seinem Käfig war so schön und stolz und gehörte dort genauso wenig hin wie ein Fisch in die Wüste. Besorgt richtete sie sich an Odion. „Er ist wunderschön! Ist das ein Wolf? Er sieht so anders aus, als die, die es in der Wüste gibt. Er ist so groß!“
„Ja, da hast du Recht. Das ist ein Silberwolf. In alten Geschichten und Überlieferungen heißt es, das diese Tiere einst mit den Elben zusammen gelebt haben. Einige sollen es heute noch tun. Aber ich glaubte bereits, ich hätte schon den Letzten gesehen.“
Xenja wandte sich wieder dem Platz zu. „Ein Silberwolf. Ein Elbenwolf. Warum haben ihn diese Menschen gefangen? Er scheint ziemlich wütend zu sein."
Odion nickte. Besorgt beobachtete er wie Melco taumelte, um sich dann genauer umzusehen. „Oh ja. Er ist ziemlich wütend. Sieh nur wie er die Rute aufstellt und dann die gespitzten Ohren. Der hat keine Angst. Er nicht. Dafür ist er viel zu stolz und zu wütend.“ Odions Blick blieb an den leuchtenden Fellen hängen. Seine Muskeln spannten sich. Sofort war sein ganzer Körper in Alarmbereitschaft. „Scheiße! Das gibt Ärger, großen Ärger. Titta, setz dich auf Telpfaire, schnell!“
Xenja, völlig überrascht von der barschen Reaktion des Hünen, sprang auf den Grauen. Als sie wieder zum Platz sah, blieb ihr vor Schreck, fast das Herz stehen. Krampfhaft krallte sie sich am Sattel fest, als ihr Blick wie gebahnt an dem Mann hängen blieb, dem sie so sehr Vertraute und der ihr zum ersten Mal eine Todesangst einjagte.
Um Melco herum schien die Luft zu kochen. Ein dunkler Schleier begann sich um ihn zu legen, als er die Hände hob. Seine Stimme dröhnte über den Platz und ließ alle vor Angst erstarren. „Ihr Armseeligen Kreaturen! Habt ihr aus Eurer Vergangenheit nichts gelernt? War der Fluch der Kobolde nicht Strafe genug? Warum habt ihr euch erneut von eurer Gier leiten lassen?
Telpdraugs! Ihr habt es gewagt Telpdraugs zu jagen und zu töten! Ich hatte euch gewarnt und euch versprochen zu helfen, um diesen Fluch los zu werden. Ihr habt mich schon das erstemal hintergangen, in eurer so unersättlichen Gier. Aber nun, werde ich euch nicht mehr verschonen. Ihr seid zu weit gegangen!
Diese Stadt wird untergehen und jeder, der älter als acht Jahre ist und jene die nicht rechtschafenden Herzens sind, werden in ihr bleiben, bis die letzen Mauern zu Staub zerfallen sind. Ivornasse wird wieder zu das werden was sie einst war. Zu Staub. Sie wird den Kobolden und Geschöpfen der Berge zurückgegeben!“
Die panischen Schreie, das Flehen und Betteln um Gnade, umtosten den Zauberer wie Wellen der aufgepeitschten See und genauso drangen sie in sein Bewusstsein. Ein dumpfes Rauschen ohne jegliche Bedeutung.
Seine Arme hoben sich fast von allein, als er aus seinen Fingerspitzen Blitze verschoss. Diese schlugen Sirrend und Knisternd in die Gitterstäbe des Käfigs. Krachend barst er auseinander und der Wolf setzte mit einem mächtigen Sprung, durch die Rauchwolke ins Freie.
Xenjas Schrei ging in dem allgemeinen Kreischen unter, als die Menschen bemerkten, dass es der Zauberer ernst meinte. Telpfaire die Hacken in die Weichen
schlagend, trieb sie ihn vorwärts. Odion reagierte einen Bruchteil zu spät. Seine Hand griff ins Leere, wo kurz zuvor noch der Kopf des Grauen gewesen war.
Einen Fluch ausstoßend setzte er ihr hinterher. Rücksichtslos trieb er seinen Hengst durch die aufgebrachte Menge und zog dabei seine Axt. Als er am Wagen mit den Fellen vorbei kam, ergriff er sie und warf sie sich über den Schoß. Die sollten nicht in den Händen dieser Frevler bleiben.
Melco spürte wie der Zauber in seinen Adern pulsierte. Spürte wie er nach außen drängte. All sein Schmerz und Hass war in ihm vereint. Es war ein Zauber, vor dem ihn sein Großvater immer gewarnt hatte, obwohl er befürchten musste, dass sein Enkel ihm nicht gehorchen würde. Dieser Zauber war so dunkel wie es für einen Weißzauberer nur möglich war. Er balancierte auf dem Schmalen Grad, der ihn von der schwarzen Magie trennte und drohte abzustürzen. Melcos Wiederstand schmolz, er war kurz davor sich der dunklen Magie hinzugeben, als ihn etwas störte. Ein leiser Duft, nach Mondblumen, durchdrang die Finsternis und das Gefühl der Ohnmacht. Er spürte wie er von kleinen Armen fest gehalten wurde und hörte endlich auch die Stimme die ihn rief.
Xenja war neben Melco, vom wild tänzelnden Telpfaire abgesprungen. Die Angst um ihren Freund überwog die Angst vor ihm und trieb sie durch den schwarzen Schleier. Sie sah, seine steife Gestalt die, in ihrer schwarzen Kleidung und dem wehenden schwarzen Umhang so düster und doch so verletzlich wirkte. Seinen Namen rufend, klammerte sie sich an ihm fest. Sie spürte wie der Todbringende Wind, den der Zauberer entfesselte, an ihr zerrte, spürte wie sich ihre Finger zu lösen begannen und doch hielt sie fest. Sich an seine Lektionen erinnernd, konzentrierte sie sich ganz auf ihn, auf seine Aura, die immer mehr ihren silbernen Glanz verlor. Das Blau wurde dunkler und zog an dem strahlenden Licht ihrer Aura.
All ihre Kraft auf das Sein des Freundes gerichtet, schrie sie immer wieder die Worte, die ihr wie von selbst über die Lippen glitten. „Baw! Melco, daro! Lum ego! Lum ego!“
Odion erstarrte. Er hörte Xenjas verzweifeltes Schreien. Hörte wie sie in elbisch versuchte, an den verwirrten Geist des Zauberer heran zukommen. „Nein! Melco, halt! Schatten verschwinde! Schatten verschwinde!“ Dann plötzlich, schien der schwarze Schleier von innen heraus zu erstrahlen. Das grelle, weiße Licht explodierte förmlich und zerriss den Bann unter dem der Zauberer stand. Als sich der Rauch legte, sah Odion Melco am Boden knien.
In seinen Armen, der leblose Körper des Kindes.
„Nein!“ Mit vor Angst verkrampften Herzen trieb er Voan zur Mitte des Platzes. Der Tränen verschleierte Blick des Zauberers traf ihn wie ein Schlag. Mühsam kam Melco auf die Beine. Den kleinen Körper fest an sich gepresst, stolperte er auf seinen Freund zu, der ihm mit einer Mischung aus Trauer und Anklage entgegen sah.
Brüchig und erschöpft klang Melcos Stimme. „Sie hat mich zurück geholt. Sie hat es getan! Und ich hätte sie beinah umgebracht. Nur weil ich mich nicht mehr unter Kontrolle hatte. Das werde ich mir nie verzeihen.“ Mit jedem Wort wurde er leiser. Tränen liefen ihm, unbeachtet über das Gesicht. 
Odion horchte auf. „Moment, heißt das, sie lebt?“ Behutsam nahm er den kleinen Körper aus Melcos Armen entgegen. „Ja, sie lebt. Aber sie ist sehr schwach. Es war eine große Menge an Energie nötig um mich zurück zu holen. Fast zu viel für so ein kleines Leben.“ Nickend, hüllte Odion das Kind in die Wolfspelze, um sie warm zu halten. Sie fest in einem Arm haltend, legte er sich die Axt so zurecht, dass er sie im Notfall sofort einsetzen konnte. Telpfaire war inzwischen zu Melco gekommen und rieb seinen Kopf tröstend an dessen Schulter. Dankend tätschelte dieser dem Hengst den Hals, als er sich mühsam auf dessen Rücken schwang. Dabei suchte sein Blick die Umgebung ab. „Er ist weg! Hoffentlich schafft er es aus der Stadt.“ Odion sah sich ebenfalls um. „Sicher hat er die allgemeine Aufregung genutzt, um zu verschwinden. Er ist klug und wird ihnen sicher nicht noch mal in die Falle laufen. Obwohl ich es ernsthaft bezweifel, das sie es noch einmal wagen werden so etwas zu tun.“ Dabei deutete er in die Runde. „Sieh sie dir an. Sie sind völlig verängstigt. Viele machen das Zeichen gegen den bösen Blick. Ich würde sagen, dass wir hier nicht mehr behelligt werden oder jemals den Fuß wieder hier rein setzen müssen. Was ich persönlich auch bevorzugen würde.“
Odion sollte Recht behalten, denn als sie aus der Stadt ritten, hielt sie niemand auf.

 

 

Behutsam glitten Melcos Finger durch das weiche Fell. Wischte er die Tränen fort, die über die weißen Wangen liefen. Still lag Xenja in seinen Armen. Ihre leisen Worte waren wie Nadelstiche in seinem Herz. Wieder wünschte er sich, alles rückgängig zu machen. Doch bei all der Zauberkraft, war ihm dies verwehrt. So konnte er nur da sein und dem verängstigten Kind soviel Geborgenheit geben wie nur möglich.
„Wieso hast du das getan? Du hättest fast all die Menschen getötet. Sicher, den Wolf zu fangen war ein Fehler, aber Menschen machen Fehler, oder etwa nicht? Mama sagte immer, Fehler zu machen gehört zum Lernen. Ohne sie wüßte wir nicht was falsch und was richtig ist. Und wenn wir merken das jemand etwas Falsches tut, liegt es an uns ihm den Weg zu zeigen.“
Liebevoll, zog Melco das Wolfsfell enger um das Wüstenkind. In seiner Stimme lag all die Liebe, die er für es empfand. „Du hast recht. Deine Mama war eine sehr weise Frau. Und ich bin nur ein dummer Zauberer der glaubte alles allein zu schaffen und dabei übersah, dass er Freunde hat, die ihm helfen wollen.“
Als sie sein Gesicht berührte und dabei eine Träne wegwischte, zog sich sein Herz schmerzhaft zusammen. Er hätte dieses Kind fast umgebracht und ihr Zutrauen zu ihm, war nicht erloschen. „Du bist nicht dumm, Melco. Nur sehr einsam und allein. Aber jetzt bin ich da und pass auf dich auf.“ Der Ernst in ihrer Stimme rührte das Herz des Zauberers. Sie hatte es geschafft seine mühsam errichtete Mauer, im Sturm einzureisen und hat dafür nur ihre sanfte Hingabe und ihr rückhaltloses Vertrauen gebraucht. Er würde für sie sterben, das wusste er. Niemals würde er es zulassen, dass sie noch mal in so eine Gefahr geriet. Schon gar nicht durch ihn.
Odion, gerührt von dem zärtlichen Bild, das die beiden ihm boten, räusperte sich. „Ihr solltet etwas schlafen. Ich übernehme die erste Wache. Morgen haben wir einen langen Weg vor uns. Denn ich persönlich ziehe es vor, so schnell wie möglich nach Telpminasse zu kommen.“
Melco nickte. Behutsam drückte er Xenja zurück und deckte sie noch mal sorgsam zu. „Du hast recht. Aber du übernimmst nicht die ganze Wache. Ich kenn dich. Du kriegst es fertig und lässt mich bis zum Morgen schlafen.“ Odion brummte. „Das würde dir nicht schaden, nach der Nummer von vorhin. Aber….“ Ein plötzliches Knacken und Rascheln ließ ihn verstummen. Nach den Waffen greifend, versuchten die Männer das Unterholz und die Dunkelheit mit den Augen zu durchdringen.
Der Busch vor ihnen begann sich zu bewegen, als ein grauer Schatten über ihn hinwegsetzte und vor den erstaunten Freunden landete.
Die blauen Augen des Wolfes fixierten den Zauberer. Die Haltung stolz und der Schwanz hoch erhoben, stand er vor ihnen. Melco legte sein Schwert vorsichtig zu Seite und machte eine einladende Geste. „Schön, dass du es geschafft hast. Ich hatte mir schon Sorgen gemacht. Komm, an unserm Feuer bist du immer willkommen.“
Der Blick des Wolfes glitt kurz zu den Fellen, unter denen sich Xenja aufgesetzt hatte und den Wolf neugierig beobachtete. Seinen Kopf leicht drehend, fixierte er kurz Odion, bevor er wieder auf Melco hängen blieb. Als er dann mit dunkler Stimme zu sprechen begann, lies Odion vor Erstaunen seine Axt fallen.
„Ein Barbar, ein Halbelb und ein Viandanerkind. Eine gemischte Gruppe. Das Kind darf die Felle behalten, da es zu dir gehört.“ Dabei hielt er Melcos Blick gefangen und in seinen Augen lag ein Funkeln, das nicht nur vom Lagerfeuer stammen konnte.
„Das war ein sehr gefährlicher Zauber. Er hätte dich fast zerstört.“ Mit diesen Worten schritt er an den verblüften Männern vor bei und legte sich neben Xenja. Das Kind verfolgte jede seiner Bewegungen fasziniert und freute sich, als es sah, dass dieses schöne Tier, das sogar reden konnte, zu ihr kam und sich schützend um sie legte.
Als der Wolf wieder zu reden begann war Xenja bereits wieder eingeschlafen. „Ich übernehme die zweite Wache!“ Bevor er die Augen schloss gab er etwas preis, das ein Silberwolf nur dann tat, wenn er sich sicher war, Gefährten fürs Leben gefunden zu haben. Seinen Namen. Ithildae, Mondschatten!
 

 

 

18.10.2009 15:45:07

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