Kapitel 1 

 Vana sah auf die weiten Ebenen und tiefen Wälder von Jandara hinab. Das saftige Gras der Hrava wogte im Wind, der einen Teil der Hitze aus der Rusterume mitbrachte. Weit im Norden hinter den Kupferroten Dünen der Wüste, hoben sich dunkel und drohend die Gipfel des Mortauradrim vom blauen Himmel ab.
Ein jäher Schmerz ließ sie zusammen zucken. Der Wind verlor seine Wärme, wurde eisig und nahm an Macht zu. Starr wurde ihr Blick als sie sah, wie sich der Himmel über den Bergen verdunkelte. Wolken aus Pech sanken schwer auf die Gipfel, tauchten das Land um sich in ein Dämmerlicht und hinderten Vanas Augen daran zu sehen, was sich in ihrem Schatten verbarg. Feurige Blitze zerschnitten den Himmel und tauchten Jandara in ein rotes Zwielicht. Dunkles Donnergrollen lies die Erde erbeben. Zog Vana die Beine weg und ließ sie stürzen. Ihr silbergraues Haar peitschte ihr Gesicht, doch spürte sie es nicht. Entsetzen hielt die Hochelbe gefangen, als sie sah wie roter Regen ihre Haut benetzte. Eine Angst die ihrem Volk fremd war, durchfuhr sie. Ein Grauen, das das Herz gefrieren ließ, als sie erkannte was dieser Regen war.
Blutige Rinnsale zogen sich über ihre bleiche Haut, ließen ihre Haare dunkel und schwer an ihr herab hängen, als sie sich mühsam auf die Füße kämpfte. Schwankend hielt sie dem anstürmenden Grauen stand. Als sie eine schwarzrote Wolke einhüllte und fort trug, schloss sie nicht die Augen.
Unter ihr flog Jandara vorbei. Die, nun Blutdurchtränkten, Ebenen der Hrava wurden von den mächtigen Bäumen des Eryn Cala abgelöst, dessen schönen hellgrünen Kronen unter der Last des Blutregens und des Pesthauchs zu brechen drohten. Überall sah sie die Geschöpfe des Waldes in blinder Panik fliehen. Sah wie sich dunkle Schatten über sie senkten.
Vana versuchte nun sich diesem Alptraum zu entziehen, doch hielt sie das Grauen unbarmherzig fest, zwang sie mit anzusehen wie alle Lebenslichter aufflackerten um im Sog des Todessturms zu verlöschen. In das Brüllen des Sturms mischten sich Worte. Worte in der Sprache der Elben, die sich wispernd in ihrem Haar verfingen:
In ambar rutha ar race,
ta apsonna ta cala.
Ni morithron echui,
ventu am oio daw!
Ald in eneg tur in ulca dacilth.
Am in lelyad na estel ar cala.
Ni aur ni leithian anglen,
ealth ni sanyath elen echui!”
Die Worte brannten sich in ihren Geist, ließen sie in Furcht und Hoffnung erzittern. Mit all ihrer Willenskraft kämpfte sie sich frei, suchte wieder den Halt des Realen. Als sich das Bild eines schwarzen Stabes in ihr Bewusstsein schob, hielt sie inne. Konnte es sein? War er Wirklichkeit und keine alte Legende? Die blau weiße Kugel die in seinen Windungen eingebettet war, strafte alle Skeptiker der Lüge. Das war er - der Stab der Macht.
Mit einem schmerzhaften Ruck erwachte Vana aus ihrer Trance. Ans Fenster ihres Zimmers tretend, wiederholte sie die Worte der Vision:
Die Welt erzittert und bricht,
es verlöscht das Licht.
Der schwarze Zauberer erwacht,
bald ist es auf ewig Nacht!
Nur die Sechs können das Böse besiegen,
Auf der Reise zu Hoffnung und Licht.
Der Tag der Erlösung naht,
wenn der rettende Stern erwacht!“
Fröstelnd zog sie sich den goldenen Stoff ihres Kleides enger um die Schultern. „Oh, Serin, Göttin des Lichts schütze uns!“
 
 
 
Heiß brannte die Sonne auf sie herab. Der warme Wind der der Karawane folgte, trieb Sandschleier vor sich her. Xenja zog sich ihr Kopftuch über das Gesicht. Still stapfte sie neben ihrer Mutter durch den glühenden Sand. Der strenge Geruch der Tawlavan, die stoisch neben ihr her trotteten, biss in ihre Nase. Immer darauf bedacht sich im Schatten des groben Schlittens zu halten, beobachtete sie die Männer. Diese waren gut vier Fuß vor dem Rest der Karawane und schienen sich über irgendetwas zu streiten. Bei ihnen war auch Xenjas Vater. Liebevoll blieb ihr Blick auf ihm hängen. Er war, genau wie alle anderen ihres Stamms ein einfacher Sandbauer und doch war er für sie der beste Viandaner der Welt. Seine Ohren waren breit und nicht sehr lang. An einigen Stellen wurde das Kupferrote Fell von Narben durchzogen, die er bei der Jagd erhalten hatte. Neben ihm erkannte Xenja den alten Ollo. Er stand gebeugt auf seinen Stab gestützt und schüttelte immer wieder den ergrauten Kopf. Zugern hätte sie gewusst worüber die Männer reden. Verstohlen warf sie ihrer Mutter einen Blick zu. Und wieder erkannte das Mädchen den Schmerz in den dunklen Augen. „Mama, wieso erzählt ihr mir nicht was los ist?                                                                  
Makura sah zu ihrer Tochter hinunter. Trauer färbte ihre Augen, während sich ihr Mund zu einem leisen Lächeln zwang. „Es ist nichts, kleiner Stern. Wahrscheinlich streiten die Männer nur wieder über die besten Preise für unsere Waren. Und du weist, das dein Vater dich eigentlich nicht mit nehmen wollte.“                                                                                                                                                                                        Schnaubend, strich sich Xenja über ihre Tunika. „Ja ich weis. Aber ich bin jetzt acht Trockenzeiten alt. Gero und Ferra sind schon die zweite Trockenzeit dabei und sie sind genauso alt wie ich. Wann hört ihr auf mich zu behandeln, als sei ich was Besseres als sie!“                       
Lächelnd strich Makura ihrer Tochter über die Ohren. Das weiße Fell war so weich. Die Tränen hinunter schluckend, war sie kaum Herr ihrer Stimme. „Du bist etwas besonderes, Xenja! Du bist die Wiedergeburt des Stern, nur du kannst unser Volk in eine besserer Zukunft führen.“ Wütend wischte Xenja die Hand ihrer Mutter beiseite. „Nur weil ich ein weißes Fell habe, soll ich gleich diese Göttin sein? Ma, das sind doch nur alte Geschichten. Wieso sollte der Mond seine Tochter ausgerechnet ins Land der Sonne schicken. Und wie soll ich allein das Böse bekämpfen?“                                                                                                                                                                                                                           
Aus den Stofffalten des Sandschlittens, neben ihnen, drang eine schnarrende Stimme. „Du solltest die alten Traditionen und Überlieferungen deines Volkes nicht so einfach zur Seite schieben, kleiner Stern. Doch solltest auch du, Makura deiner Tochter nicht so zusetzen. In den alten Überlieferungen steht nur, dass zum Ende eines Zeitalters ein Kind des Mondes geboren wird. Ein Kind mit Sternenweißem Haar. Dieses Kind soll eine neue Zeit einleiten.“ Das faltige Gesicht von Hera tauchte in der Öffnung auf. „Verstehst du Makura? Deine Tochter spielt eine Rolle im Großen Gefüge der Zeit aber welche, das steht noch nicht fest.“                                                                                                                     
Seufzend ließ Makura ihre sandfarbenden Ohren hängen. „Hera, du bist die älteste unseres Stamms und auch die einzige Viandanerin die ich kenne, die sich noch an die Zeiten erinnern kann, als sich die Wüste nach Wochenlangem Regen in ein Pflanzenmeer verwandelte. Doch scheinst du zu übersehen, dass sich im Mortauradrim etwas zusammenbraut. Es scheint fast so, als seien die schwarzen Gipfel noch dunkler geworden. Selbst die Litseno, die Sandläufer, halten sich jetzt von seinen Rändern fern.“                                                                              
„Natürlich sehe ich die Schatten über dem Gebirge und höre die Schreie der Geschöpfe der Nacht. Doch gab es schon immer Zeiten, in denen die Geschöpfe des Mortauradrim sich in die Wüste zogen. Das wird sich sicher nie ändern.“ Das ergraute Haupt der greisen Frau wandte sich leicht zur Seite um die Männer besser sehen zu können. „Xenja, mein Schatz. Laufe doch bitte mal zu deinem Vater und bitte ihn um eine kleine Rast. Ich möchte mir gerne die Beine vertreten.“                                                                                                                                      
„Natürlich, Hera. Bin schon weg.“ Schnell war das Kind davon gerannt und schon nach kurzer Zeit aus der Hörweite der beiden Frauen.
Kaum war Xenja fort, änderte sich Heras Haltung. Sie wurde aggressiver und unnachgiebiger, als Makura sie je erlebt hatte. „Wenn du nicht möchtest, das sie erfährt wie schlimm es um unser Volk steht und wie sehr das Böse seine Hände nach ihr ausstreckt, dann solltest du aufhören in ihrer Gegenwart darüber zu reden. Und höre auf sie mit Traurigkeit zu umgeben. Das Mädchen ist klug und hat schon längst erkannt, das etwas nicht stimmt.“
Makura warf verzweifelt die Hände hoch. Ihr Gesicht, unter dem Kopftuch, verzog sich zu einer Grimmasse des Schmerzes. „Sag mir, wie soll ich damit Leben. Wie soll ich das hinnehmen, das meine Tochter dem Tod nahe ist und das ich sie nur retten kann, wenn ich sie aus ihrer Heimat reiße? Wie soll ich das akzeptieren, wenn mir niemand eine Garantie dafür geben kann, das sie auch wirklich am Leben bleibt, wenn ich sie zu einem Volk schicke, in dem sie immer eine Fremde sein wird? Und wer sagt mir, dass all das wirklich nötig ist? Das die alten Geschichten war sind und das sie wirklich etwas bewirken kann?“ Leiser und mit Tränen in den Augen, sah sie Hera direkt an. „Ich will es einfach nicht glauben.“
Die alte Viandanerin sah zu Makura hinunter und ihre Gesichtszüge wurden sanfter. „Es kommt nicht darauf an, das du oder irgendein andere unseres Volkes an diese Geschichten glaubt. Wichtiger ist, dass wir wissen dass das Böse an die Wahrheit dieser Geschichten glaubt. Viel wichtiger, Überlebenswichtig.“
Die Kälte die diese Worte mitbrachten, ließ Makura erschauern. Wie sehr wünschte sie sich, dass ihre innig geliebte Tochter in Frieden aufwachsen konnte und doch war genau das, ihr nicht vergönnt. Was ihr jedoch am meisten zu schaffen machte, war das sie ihre Tochter nicht begleiten konnte. Der Ältestenrat, hatte beschlossen das Xenja der Obhut der Barbaren übergeben werden musste, die sie dann bis nach Dor Ind begleiten sollten. Dort sollte sie dann unter Menschen leben, die ihre Abstammung und ihre besondere Bedeutung nicht kannten. Was ihrem kleinen Stern dort alles wiederfahren würde, wollte sich Makura nicht vorstellen, sonst hätte sie sicher wieder zu weinen begonnen.
Hera beobachtete die junge Frau. Sie konnte deutlich den inneren Kampf an den Gesichtszügen ablesen. Ja, Makura wurde vor die härteste Entscheidung gestellt die man einer Mutter, besonders einer Viandanerin stellen konnte. In einem Land in dem jedes zweite Kind die erste Trockenzeit nicht überlebte, war es grausam, einer Mutter ihr einziges Kind zu nehmen. Doch blieb ihnen keine Wahl, war doch das Böse schon ins Dor Nar vorgedrungen. Von dort griffen seine langen und totbringenden Finger immer weiter in die Rusterume und drückten langsam das Leben aus ihr heraus.
Und dann waren da noch ihre Visionen. Hera hatte in ihnen deutlich einen schwarzen Schatten gesehen. Einen Schatten der sich über die zarte Gestalt ihrer kleinen Xenja auftürmte und sie mit sich fortzog. Doch war seltsamerweise keine schwarzviolette Aura erschienen, wie sie befürchtet hatte, sondern eine bläuliche mit silbernen Strahlen. Und diese Aura hatte die silbrig, rote Aura des Wüstenkindes nicht verschlungen, sondern wie eine schützende Hülle umgeben. Unsicher was diese Vision zu bedeuten hatte, behielt die alte Frau sie erst mal für sich. Immer in der Hoffnung, das sie ihre Bedeutung deutlicher zeigen würde. 
Xenja war inzwischen bei den Männern angekommen. Diese hatten, kaum das sie das Nahen des Kindes bemerkten, ihre Unterhaltung eingestellt. Ollo begrüßte sie als erstes. Seine Stimme war wie die von Hera von Alter und unzähligen Wüstentagen rau und brüchig geworden. „Halt, kleiner Wirbelwind. Du solltest nicht so schnell laufen. Das ist in der Wüste nicht gut. Lässt dich dörren und schrumpelig werden wie mich.“ Das gütige Lächeln, das dabei seinen faltigen Mund umspielte, wurde von einem sonnigen Strahlen des Kindes beantwortet. „Ich glaube wenn man so alt wird wie du, wird jeder schrumpelig. Das hat nichts mit dem Laufen zu tun.“
„Unsere vorwitzige Xenja.“ Xenso wuschelte seiner Tochter über die weißen Ohren. Dabei legte sich seine große Hand schwer auf den zarten Kopf. „Wenn du ein Gespräch der Erwachsenen unterbrichst sollte es wichtig sein. Die Strafe dafür ist hart.“ Das Blitzen seiner Augen, nahm den Worten die Schärfe und ließ Xenja zu ihrer vollen Größe wachsen, als sie sich vor ihrem Vater aufbaute. „Dado, Hera bittet dich um eine Rast.“
Xenso gab einem der jüngeren Männer einen Wink und scheuchte ihn so zur Karawane zurück. „Nun, wenn Hera dies wünscht, werden wir rasten.“ Seine Tochter herum drehend, führte er sie zurück zu ihrer Mutter. „Dies war ein wichtiger Grund. Wohl war.“ Dabei grinste er. Aus seinem Grinsen wurde eine besorgte Miene, als er die Unruhe bemerkte, die die Mallanaras erfasste.  Diese goldenen Hirsche waren alte Tiere, deren goldenes Fell langsam ins grau überging und es gab so gut wie nichts, was sie aus der Ruhe bringen konnte. Nichts außer-. Alarmiert suchten Xensos Augen die Dünen ab, während seine Ohren hektisch zuckten, um jedes noch so kleine Geräusche ein zu fangen.
Und da waren sie. Wie eine dunkle Flut überspülten sie den roten Sand. Ihre dunklen Leiber wogten, als sie auf die überrumpelte Karawane zu rannten. Goblins und Orks. Hier soweit vom Dor Gwann entfernt? Das konnte nur bedeuten, dass sie ihnen schon lange gefolgt waren und nur den richtigen Augenblick zum Angriff abgewartet hatten. Sich dafür verwünschend, dass er die Krieger auf Erkundungsritte geschickt hatte, zog er seinen Langdolch aus der Scheide. Sein Blick flog über die Horde um dann über die Männer und die Karawane zugleiten. Es waren so viele und sie nur so wenige. Noch dazu hauptsächlich Alte, Frauen und Kinder.
Die Kinder! Natürlich, Xenja! Seine Tochter packend, hob er sie von den Füßen und warf sie einer der panischen Hirschantilopen über den Rücken. Mit einem schnellen Hieb löste er die Halteleine und schlug dem verängstigten Tier die flache Klinge auf die Keulen. Das Mallanara sprengte in gewaltigen Sätzen davon und nahm Xenja mit sich fort. 
Xenso gönnte sich keinen längeren Blick auf seine Tochter, sondern wirbelte schon zu den Kreaturen herum, die hier so weit in der Rusterume nichts verloren hatten. Nur noch zwei Meilen hatten sie von der Hrava getrennt. Zwei lächerliche Meilen!
Wütend bahnte sich Xenso einen Weg durch die Angreifer, um zu den Schlitten zu kommen. Er wirbelte dabei in einem verzweifelten Tanz durch die, nach Kot und Schwefel stinkenden Reihen und hinterließ eine blutig, schwarze Schneise.
 
 
 
 
 
Als sie die Horde auf sich zu kommen sah, reagierte Makura blitzartig. Behände sprang sie auf Heras Sandschlitten und schlug mit der Peitsche auf die Mallanaras ein. Diese, von der ungewohnten Behandlung verschreckt und vom Schwefelgeruch in Panik versetzt, stemmten ihre Hufe in den weichen Sand. Das panische Blöken der Tawlavan tat sein übriges. Mit kurzen heftigen Sprüngen bekamen die Hirschantilopen den Schlitten frei und waren nicht mehr auf zuhalten. Der Rest der Karawane folgte.
In wilder Jagd rauschten die Schlitten durch die verdutzte Horde. Panisch versuchten einige Goblins den harten Hufen und den scharfen Kuffen aus zu weichen, doch ohne Erfolg. Die nachrückenden Bestien drückten sie wieder zurück und trieben sie so in den Tod.
Schon nach kurzer Zeit war das golden schimmernde Fell der Mallanaras mit schwarzem Blut besudelt. Auch Makuras Kleider bekamen Blutspritzer ab. Das wütende Brüllen der Orks, hallte in ihrem Herzen wieder. Ihr Körper zog sich beim Klang der Quickenden Todesschreie, schmerzhaft zusammen. Auf die Mallanaras hatten diese grauenhaften Laute einen treibenden Effekt. Die verdrehten Augen auf die Grasgrenze gerichtet, wurden ihre Sprünge weiter. Sie flogen nur noch dahin.
Und doch hatten sie keine Chance.
Plötzlich verdunkelten große Schatten den Himmel. Knatternde Lederhäute waren in der Luft zu hören. Entsetzen breitete sich auf Makuras Gesicht aus, als sie die Geschöpfe erkannte, die dort auf sie zu geflogen kamen. Gargoyels! Die geflügelten Bestien des Dor Gwann. Sie waren hier.
Schwarze Klauen, so scharf wie Messer schlugen ins Dach des Schlittens. Das laute Reisen des Leders ließ Makura erzittern. Heras schriller Todesschrei zerriss Makuras Herz. Wütend und unter Aufbietung all ihrer Kraft sprang sie auf. Herumwirbelnd sah sie die massige Gestalt, die auf dem Schlitten hockte und wild mit den Flügeln schlug. In ihren blutbesudelten Klauen hielt sie die schlaffe Gestalt der alten Frau, die für Makura immer wie eine Mutter gewesen war. Tränen der Trauer und der Wut verschleierten ihren Blick, als sie sich auf den Gargoyel warf. Ihren kleinen Dolch aus den Falten ihrer Tunika ziehend, krallte sie sich an der heißen Haut der Bestie fest. Die Hiebe die sie dem massigen Geschöpf des Bösen zufügte, waren nicht mehr wie Nadelstiche und hatten nur den Erfolg, das sich die Kreatur aufbäumte um Makuras lästige Stiche abzuschütteln.
Ein schneidender Schmerz riss Makuras Lippen auseinander. Ihr Schrei wurde vom Brüllen der Bestien verschluckt. Genau wie ihr Körper, der durch den Riss im Dach, ins Innere des Schlittens rutschte. Keuchend zog sie sich unter die Bank. Die Hände auf den Bauch gepresst, versuchte sie ihr Leben festzuhalten. Versuchte sie das Blut und ihre Eingeweide daran zu hindern aus ihrem Leib zu fliehen.
Als die Mallanaras unter den Klauen der Angreifer fielen, schleuderte der Schlitten herum und warf Makura wie eine Puppe in den Sand. Unter Qualen zog sie sich in den Schatten eines anderen Schlittens, den das gleiche Schicksal ereilt hatte.
Mit von Schmerzschleiern verhangenem Blick beobachtete sie, wie das Schlachten weiterging. Von den Gargoyels gestoppt war die Karawane in ein blutiges Chaos verwandelt worden. Der mehrstimmige Todesschrei zog sich endlos. An und abschwellend, marterte er ihren sterbenden Geist. Überflutete der Gestank des Todes ihre schwindenden Sinne. Ihre brechenden Augen sahen noch, wie die Letzten ihrer Sippe unter den scharfen Klauen der Brut fielen, die sich ebenfalls an der Vernichtung eines ganzen Stamms der Viandaner beteiligten. Makura sah wie das rote Blut der Viandaner mit dem kupfernen Sand der Wüste verschmolz. Sie fand es richtig. Die Wüstenkinder wurden von ihrer Mutter empfangen.
Ihr Blickfeld färbte sich schwarz. Ihr letzter Gedanke eilte zu ihrer Tochter. Sie hatte versagt!
Die letzte Träne, die über ihre Wange lief, spürte sie schon nicht mehr.
 
 
 
Xenja versuchte das panische Mallanara unter Kontrolle zu bekommen. Die Hände ins weiche Fell gekrallt, zog sie sich in eine sitzende Position. Die Knie fest gegen den Leib des Tieres gepresst, versuchte sie das Seilende zupacken. Die Sprünge des Mallanaras wurden verkrampfter und verloren an Weite. Der Schweiß färbte das goldene Fell fast schwarz, als Xenja endlich das Seil zu fassen bekam. Heftig zog sie den Kopf des Tieres zur Seite, wobei sie auf die spitzen Hörner achtgeben musste. Das Tier in immer kleiner werdende Kreise führend, bekam sie es endlich dazu an zuhalten. 
Dampfend und heftig atmend stand das Mallanara still und ließ es zu, dass seine kleine Reiterin aus ihrem Gürtel einen Zügel knüpfte und diesen am Halfter befestigte. Vorsichtig drückte Xenja die Beine an den warmen Leib und lenkte die Hirschantilope in die Richtung, in der die Karawane sein musste. Gehorsam setzte sich das erschöpfte Tier in Bewegung und viel nach kurzer Zeit in einen leichten Galopp.
Als sie an der Stelle anlangte von wo ihre wilde Jagd begonnen hatte, zügelte sie die Hirschkuh und sprang ab. Xenjas Augen weiteten sich, als sie die Toten sah. Starr vor Entsetzen ließ sie sich neben einem blutigen Kleiderbündel auf die Knie sinken. Sie erkannte den knorrigen Stab aus dem Holz der Steineiche. Und noch bevor sie den Stoff vom Gesicht zog, wusste sie wenn sie vor sich hatte. Zitternd legten ihre Finger das so vertraute und jetzt so leere Gesicht Ollo`s frei. Trauer verschleierte ihre Augen, als etwas ihre Aufmerksamkeit fesselte.
Halb begraben im Sand lag eine von Klauen zerrissene Gestalt. Die Himmelblaue Tunika wehte in blutigen Streifen um zwei Kupferrote Ohren. Der Schrei, der sich aus Xenjas Kehle befreite wurde zu einem Flüstern. „Dado!“
Stolpernd kam sie auf die Füße und eilte zu den Überresten ihres Vaters. Die Wüste hatte schon ihre Decke über den Körper gebreitet und ersparte dem Kind so den grauenhaften Anblick eines Beinlosen Körpers.
Schluchzend, viel Xenja neben ihrem Vater in den blutigen Sand. Vorsichtig strich sie den, von schwarzem und rotem Blut durchtränkten Stoff beiseite. Behutsam glitten ihre Finger über das geliebte Gesicht. Schloss sie die Augen die so blitzen konnten und nun stumpf und leer waren. Ihre Tränen tropften auf das weiche Fell der vernarbten Ohren, als sich das Kind neben ihren Vater legte. Das Gesicht fest an seinen Körper gedrückt, ergab sie sich dem Schmerz.
Da glaubte sie seine Stimme zu hören und Bilder der Erinnerung schoben sich vor ihr inneres Auge. Sie sah ihren Vater wie er auf einer Düne stand. Der Wüstenwind spielte mit seinem Schal und seine Hand lag auf ihrer Schulter. „Xenja, wenn du in der Wüste bist, darfst du nie vergessen, dass sie stärker ist als du. Sie kann dein Freund aber auch dein Feind sein. Wenn du dich an die Regeln hältst, wirst du immer einen Weg finden zu überleben.“
Seine Stimme halte in ihrem Kopf wieder und Tränen flossen ihr über die pelzigen Wangen. „Dado, Dado, bitte bleib bei mir! Verlass mich nicht!“
Die Stimme ihres Vaters wurde leiser. Sie verhalte in der Stille. „Die Regeln. Erinnere dich an die Regeln!“
Ruckartig setzte sich Xenja auf. Mit den Handrücken wischte sie sich die Tränen aus dem Gesicht um danach ihren Vater unter dem Sand zu begraben. Dabei redete sie mit ihm. „Ich erinnere mich an die Regeln, Dado!
Verschwende niemals Wasser. Das heißt auch keine Tränen. Nutze jede dir bietende Gelegenheit, Wasserhaltige Pflanzen zu sammeln.
Schütze dich vor der Sonne und fürchte dich nicht vor den Litseno. Denn sie können dir nützlich sein. Schlafe, wenn nicht anders möglich, auf felsigen Stellen und untersuche immer deine Stiefel, bevor du sie wieder anziehst.“
Vorsichtig löste Xenja die verkrampften Finger ihres Vaters, um ihm den Langdolch abzunehmen. „Nutze jede Möglichkeit und halte immer deine Waffen bereit. Um dich zu verteidigen.“ Sorgsam befreite sie die Klinge vom schwarzen Blut und schob sie in die Scheide, die sie vom Gürtel ihres Vaters löste. Fast mechanisch stand sie auf und untersuchte die Toten. Dabei nahm sie alles an sich, was sie noch brauchen würde. Dort einen Wasserschlauch, da ein kleines Messer und an anderer Stelle einen zerrissenen Schal, der halb im Sand vergraben war. Ein zerrissenes Zaumzeug hing an einem schwarzen Sperr und wirkte wie eine groteske Flagge. Erst zögernd und mit jedem Schritt entschlossener ging sie auf ihn zu. Das Zaumzeug fand eine neue Aufgabe, als sie es mit dem Halfter ihres Mallanara zusammenknüpfte. Die Scheide des Langdolchs befestigte sie an ihren, nun wieder freien Gürtel und schnallte ihn sich wieder um. Das kleine Messer steckte sie sich in ihren Rechten Stiefel. Den Wasserschlauch über den Hals des Mallanara hängend, schlang sie sich den Schal um den Kopf und sprang auf den Rücken des letzten Vertrauten in dieser Hölle, die einst ihre Heimat war.
Neben dem Grab ihres Vaters zügelte sie das Tier noch einmal. „Dado, ich verspreche dir, ich werde überleben. Ich werde die Karawane finden und Mama. Wir werden wieder zusammen sein. Irgendwann, in Ladamar.“ Ruckartig wandte sie sich ab und hieb der Hirschkuh die Hacken in die Flanken. Sie folgte den Spuren der Schlitten, die trotz des Windes immer noch leicht zu sehen waren. Dabei versuchte Xenja die schwarzen Klumpen zu übersehen, die sich im Sand gebildet hatten, als das Blut der Brut ihn berührte.
Die Hirschkuh keuchte. Ihre Sprünge wurden kürzer und der Kontakt mit dem Boden wurde immer länger. Was Xenja nicht bemerkt hatte war, das das Tier eine lange Wunde an der Hinterhand hatte, die ihm von einem Sperr zugefügt worden war, als es von der Karawane floh. Die Speere der Orks waren alle vergiftet und forderten nun ein weiteres Opfer.
Als das Mallanara zusammenbrach, wurde Xenja über seinen Kopf hinweg geschleudert. Der Sand dämpfte die Wucht des Aufpralls etwas und doch blieb dem Kind im ersten Schreck die Luft weg. Sich aufrappelnd lief sie zum gestürzten Tier. Die sonst bläuliche Zunge war schwarz und hing ihm aus dem Maul. Anklagend sahen sie die gebrochenen Augen an, als Xenja mühsam den Wasserschlauch vom Hals des Tieres löste. Müde vom Kummer und der Einsamkeit, wuchtete sie sich den Schlauch über die Schultern und stapfte weiter durch den Sand, der jetzt nicht mehr wie tausend Rubine zu leuchten schien. Er hatte seinen Zauber für sie verloren.
Als sie bei den Überesten der Karawane ankam, hielt sie nur kurz inne um dann eine Düne hinunter zu gleiten. Der Anblick schockte sie nicht mehr. In ihrem Inneren hatte sie es gewusst. Dies war nur die Bestätigung. Tränen hinunter schluckend, bahnte sie sich einen Weg durch die Toten, auf der Suche nach ihrer Mutter.
Als sie sie fand, kämpfte sie wieder gegen die Tränen an und verlor. Warum sollte sie jetzt noch überleben wollen? Ihre Eltern, Hera, ihre ganze Sippe war ermordet worden. Abgeschlachtet, von Geschöpfen, die sie bis her nur aus den Geschichten und ihren Albträumen kannte. Ihre Beine versagten ihr den Dienst. Haltlos schluchzend, brach Xenja über dem entstellten Körper ihrer Mutter zusammen.
Nur der Wind war Zeuge ihres Leids. Fuhr ihr wie tröstend durch das Haar und trug ihren Kummer hinaus. Raus aus der Wüste, in die Hrava.
 
 
18.10.2009 15:42:40
 
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